Beginnt jetzt die Zukunft des deutschen Versandhandels?

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Jochen Krisch von Exciting-Commerce veröffentlichte heute einen ausgezeichneten Beitrag zur Frage, ob nach der Pleite von Arcandor nun die Zukunft des deutschen Versandhandels beginne. Ich möchte diesen den Schweizer Lesern nicht vorenthalten, weil einerseits deutliche Parallelen zum Schweizer Markt bestehen, anderseits die deutschen Player einen wichtigen Beitrag zum Schweizer Versandhandel beisteuern.

(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.)

Die Pleite von Quelle ist nur der letzte Beweis: Der deutsche Versandhandel befindet sich in einem absolut desolaten Zustand. Im Denken noch tief in den 70er Jahren verankert, hat er in den vergangenen fünfzehn Jahren den internationalen Anschluss vollends verloren und konnte in keinem einzigen der neuen Zukunftsmärkte Fuß fassen.

Gut zu erkennen beispielsweise am Markt für rein elektronische Handelskonzepte (Online/Mobile/TV), dem wachstumstreibenden Marktsegment schlechthin. Laut bvh-Zahlen hat dieses Segment 2008 ein Marktvolumen von 7,8 Mrd. Euro erreicht und macht inzwischen knapp 28% des gesamten Versandhandelsmarktes aus (dieser Wert wird sich unseren Schätzungen zufolge bis 2017 in etwa verdoppeln.)

Hier kommt die Primondo-Gruppe (durch HSE24 und Myby) auf einen Marktanteil von 5%, die Otto-Gruppe (durch MyToys und Jungstil) auf 1%. Neckermann ist in diesem Zukunftssegment überhaupt nicht vertreten.

Pureplayer2008

Stattdessen bestimmen diesen Markt neben den internationalen Playern (Amazon, Ebay, QVC) unabhängige, börsennotierte Versender wie Delticom, Getmobile oder Zooplus sowie Elektronikversender wie Redcoon oder Notebooksbilliger und eine Fülle von Klein- und Kleinstversendern sowie Startups wie Brands4Friends, Preisbock & Co.

Noch bitterer sieht es für den deutschen Versandhandel im übrigen aus, wenn man nur zukunftsrelevante Geschäftsmodelle in Betracht zieht und sämtlche Shop- & Katalog-Konzepte, die auch online zunehmend härteren Zeiten entgegen gehen, komplett aus und vor lässt.

Die Dominanz und die angestammte Marktmacht von Otto, Quelle und Neckermann hat in Deutschland dazu geführt, dass kaum neuartige Geschäftsmodelle entstehen konnten. So finden diese inzwischen samt und sonders ihren Weg aus den USA bzw. zunehmend auch aus Frankreich zu uns.

Bleibt also zu hoffen, dass sich der überfällige Strukturwandel nun schnell fortsetzt und endlich die Förderung neuartiger Geschäftsmodelle, die Amazon, QVC und Vente-Privée ernsthaft Paroli bieten können, in den Vordergrund rückt, statt weiterhin veraltete Geschäftsmodelle mit Hängen und Bürgen Würgen über die Zeit retten zu wollen.


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6 COMMENTS

  1. Spannend wird sein wie sich die Pleite Arcandors konkret auf dem Schweizer Markt auswirkt, insbesondere die Pleite der Quelle GmbH.
    Die Quelle Versand AG mit Sitz in St. Gallen gehört sicherlich zu den Top 3 Versendern in der Schweiz. Zum Portfolio gehört u. a. auch der Schweizer Traditionsversender Ackermann (vgl. http://www.quelle.com/de/unternehmen/unternehmensstruktur/quelle-international/schweiz.html). Ackermann wurde im Jahr 2007 (vgl. http://www.quelle.com/de/presse/pressemeldungen/archiv-jahr/2007/article/quelle-schweiz-fuehrt-versandhandelsmarke-ackerman.html) ) gekauft und wird im Sinne der Strategie „Wo Ackermann drauf steht, ist Quelle drin“ geführt (ich habe beide Kataloge nebeneinander gelegt und auch die Online-Shops miteinander verglichen und das Sortiment ist in der Tat 1: 1 identisch. Das im deutschen Versandhandel geläufige Konzept, wurde meines Wissens erstmals so in der Schweiz aufgesetzt).

    Was bedeutet die Insolvenz der Quelle GmbH für die Schweiz?
    Die Schweizer Landesgesellschaft scheint mir eine reine Vertriebsgesellschaft zu sein, d. h. die angebotene Ware wird vom Mutterhaus an den Schweizer Kunden versendet. Ohne den zentralen Einkauf in Deutschland stünden Quelle und Ackermann in der Schweiz gänzlich ohne Sortiment da.
    Die Verflechtungen, auch mit dem nun insolventen IT-Dienstleister sind schwer zu beurteilen. Wer weiss, was passiert wenn dort der „Stecker gezogen“ wird, ob eine Bestellung aus der Schweiz im Nirwana landet. Was unter Umständen, je nach Systemabhängigkeit und Verflechtungen auch den in der Schweiz ansässigen Spezialversendern blühen könnte.

    Die missliche finanzielle Lage des Konzerns scheint aber bei der Schweizer Tochtergesellschaft noch nicht angekommen zu sein:
    Während Quelle Deutschland sich den Hauptkatalog vom bayerischen Staat finanzieren lassen muss, Mitarbeiter in Deutschland um Ihren Job bangen und gleichzeitig lange um Staatshilfe gerungen wurde, investiert die Quelle Schweiz mit der Marke Ackermann kräftig ins Sponsoring: z. B. als Presenting Partner des Schweizerischen Fussball Cups 2009 (vgl. http://www.persoenlich.com/news/show_news.cfm?newsid=81273) und als Official Sponsor der Tour de Suisse 2009 (http://sport.punkt.ch/sportch/generated/article/radsport/2009/05/09/8200200000.html).

    Wie lassen sich solche Entscheidungen gegenüber dem seit längerem angeschlagenen und nun insolventen Mutterhaus (Quelle GmbH) rechtfertigen? Oder anders formuliert: Welcher verantwortungsbewusste Manager winkt so eine Entscheidung durch?

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