B2B E-Commerce Importe von über CHF 10 Millarden gemäss Retail Outlook 2012

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Die Credit Suisse hat heute ihren Retail Outlook 2012 veröffentlicht. Unter dem Titel „Unsicherheit und Einkaufstourismus bremsen Detailhandel“ vermitteln die Banker dem Schweizer Retail ein wenig rosiges Bild. Zum einen macht die aktuelle konjunkturelle Lage zu schaffen, zum anderen der starke Franken, der die Schweizer vermehrt im Ausland einkaufen lässt.

Wie bereits 2010 bleibt der domestic E-Commerce praktisch unerwähnt, wobei doch bereits ganze Branchen sehr unter dem Kanalwechsel leiden (oder die Onlineplayer eben profitieren). Wobei auch die Onliner im vergangenen Jahr unter der starken Preiserosion – oder eben besser gesagt der damit zusammenhängenden Margenerosion leiden mussten:

„Die Preise gingen 2011 im Detailhandel um über 2% zurück – ein Rekord seit dem Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1969. Die Preiserosion verschärfte den Rückgang der nominalen Detailhandelsumsätze. Der bedeutende Bekleidungsdetailhandel bremste die Branchenkonjunktur 2011 mit einem Umsatzrückgang von über 3% am stärksten. Real setzten allerdings zahlreiche Segmente des Detailhandels, etwa der Lebensmitteldetailhandel oder der Elektronikhandel, mehr Waren ab als im Vorjahr. Trotz der Stabilisierung der Wechselkurssituation rechnen die Ökonomen der Credit Suisse 2012 mit einem weiteren, wenn auch im Vergleich zu 2011 weniger ausgeprägten Preisrückgang im Detailhandel.“

Wie so oft sitzt das Böse „ennet der Grenze“ und mit Bösem meint die Credit Suisse gleich zwei Dinge. Zum einen die Schweizer, die im Euroraum bedeutend günstiger zur gleichen Ware kommen.

„Der Einkaufstourismus nahm 2011 sprunghaft zu, um schätzungsweise 20% bis 30%, und belastete insbesondere den grenznahen Schweizer Detailhandel stark.“

Zum anderen den Onlinekanal, der im Gegensatz zu 2011 in der aktuellen Studie nur im Zusammenhang mit dem Einkaufstourismus so richtig zur Sprache kommt. Und Klartext sprechen denn auch die Zahlen, welche von den Retail-Beratern und Bank-Analysten ausgemacht wurden.

„Der „Einkaufstourismus“ per Mausklick war jüngst zwar weniger in den Medien präsent, hat aber mittlerweile ein bedeutendes Ausmass erreicht. Der Verband des schweizerischen Versandhandels schätzte den Wert der direkt bei ausländischen Versandhändlern und Onlineanbietern gekauften Waren 2010 auf 500 Mio. CHF. Dieses Volumen dürfte 2011 im Zuge des Booms von Auslandeinkäufen deutlich gestiegen sein. Hinzu kommen ungefähr 1.8 Mrd. CHF an Importpaketen, welche die Kunden über die Schweizer Niederlassungen von ausländischen  Versand- und Onlinehändlern bestellen (brutto, ohne Retouren). Dabei handelt es sich nur um einen indirekten Abfluss von Kaufkraft ins Ausland, weil ein kleiner Teil der Wertschöpfung bei den Schweizer Niederlassungen anfällt.“

Aber es kommt noch besser. Ausgehend von den MwSt-Einnahmen aus dem grenzüberschreitenden Import-Postverkehr und hochgerechnet auf das ganze Jahr bescheinigt man ein Import-Volumen von über CHF 10 Mrd.

„Nimmt man vereinfachend an, dass die Waren 2011 alle zum Normalsatz von 8% besteuert wurden, entspricht dies einem Warenwert von 10.2 Mrd. CHF. Hinzu kommen alle Pakete, deren Warenwert innerhalb der Abgabenfreigrenze liegt.“

Aber woher nun die grosse Differenz zwischen dem Importvolumen und dem Anteil, welche dem Online-/Versandhandel mit Privatpersonen zugerechnet wird? Die Studie vermutet dies im sehr hohen Anteil an B2B-Sendungen, was auch unserer Einschätzungen entspricht.

Denn der B2B Bereich wird allgemein extrem unterschätzt. Vor einigen Jahren wurde der weltweite Anteil von B2B am gesamten E-Commerce Umsatz mit 90% eingeschätzt von der deutschen Infratest (PDF, Seite 23). Diese Verteilung widerspiegelt sich sehr gut in den heutigen Zahlen der Credit Suisse unter Berücksichtigung der Entwicklung von B2C und B2B.

Anders als 2011, wo Onlinethemen Einzug in den Outlook erhielten, ist neben den oben geschilderten Importvolumen wenig ersichtlich. Dabei genügt ein Blick durch all die aufgezeigten Schwierigkeiten und Problemzonen des Retail-Geschäfts, wo online punktet. Im Inland, wie auch durch ausländische Player, die immer weniger Berührungsängste mit dem eidgenössischen Markt haben.

Die jährliche Studie «Retail Outlook 2012» von Credit Suisse Fuhrer & Hotz als PDF-Download.


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6 COMMENTS

  1. Dieser Wert von 10 Mrd. darf nicht als purer B2B E-Commerce Umsatz gewertet werden, ansonsten wir auch das ganze Paketvolumen der Schweiz als E-Commerce Umsatz werten müssten. Heute werden auch sehr grosse Volumen/Werte zwischen Unternehmen mittels KEP-Dienstleistern grenzüberschreitend transportiert (Ersatzteile, Sortiments-Grundausstattungen etc.), welche nichts mit E-Commerce zu tun haben müssen.
    Bin allerdings bei Dir, dass das B2B E-Commerce Volumen den 2-3 fachen Wert des B2C Volumens erreichen dürfte.

  2. Kleine Frage dazu:
    Zählt ihr zu B2B eCommerce nur reine B2B Onlineshops oder den ganzen elektronischer Handel im B2B (welcher nicht zwingend via Browser/Online Shop abgewickelt werden muss. sondern einfach digital/elektronisch)?

    Thx und Gruss
    Damian

  3. @Damian: gute und schwierige Frage und sicher ein Teil-Knackpunkt an der grossen B2B-Zahl der Credit Suisse. Die Antwort ist dann entweder philosophisch oder subjektiv (z.B. aus Sicht unseres Verbandes VSV – Verband des Schweizerischen Versandhandels) und bietet Raum für endlose Diskussionen.
    In jedem Falle beinhaltet die Zahl der CreditSuisse neben den Online-Bestellungen auch ganz normale telefonische Bestellungen oder z.B. Lieferungen, welche aufgrund einer Messebestellung etc. zustande gekommen sind. Die Zahl von 10 Mrd darf aus meiner Sicht nicht einfach dem Versandhandel zugeordnet werden, sondern hat noch viele andere Facetten.

  4. @Damian
    Die Frage wird uns immer wieder beschäftigen. Ganz nüchtern betrachtet heisst „E-Commerce“ elektronischer Handel. V.a. im B2B Bereich hat hier natürlich die „Gattung“ eProcurement etc einen nicht ganz zu vernachlässigenden Anteil.

    Wichtig und eine Kernaussage des Artikels ist mir einfach, dass B2B grundsätzlich brutal unterschätzt wird und um ein Mehrfaches höher liegt. Wie die referenzierte Infratest-Studie von 2009 – ich war an deren Präsentation in München zugegen – meint, sei der Anteil gar 90%. Der ist sicher nicht mehr so hoch, da B2C aufholt. Aber er dürfte immer noch den von Patrick veranschlagten Faktor 2-3 aufweisen, nach meinem Geschmack evtl. noch einen ticken höher.

    @Patrick; mir ist ebenfalls nach Publikation aufgefallen, dass der Titel des Artikels nicht mehr ganz korrekt ist. Habe da ein paar Mal umgestellt, um es möglichst „knackig“ zu gestalten. Wie man an den Kommentaren sieht, scheint das gelungen 😉

  5. Hallo Patrick, Hallo Thomas

    Vielen Dank für eure interessanten Antworten.

    Ich finde die Definition davon auch schwierig, speziell wenn man die Gattung eProcurement mit zählt.
    Die Frage, die ich mir immer wieder stelle, ist, muss der Einstiegspunkt / Erstkontakt auch elektronisch sein?
    Telefon zähle ich trotz dem VOIP Zeitalter nicht zu einem elektronischen Erstkontakt, eine Anfrage via Mail oder einem CRM Tool (z.b. via iApp) hingegen schon.
    Schlussendlich wird oftmals oder immer öfters alles über ICT abgewickelt und ist somit auch (direkt oder indirekt) eCommerce.
    Dies ist im B2B Bereich viel mehr ausgeprägt als dies bei B2C der Fall ist (zumindest in der Schweiz, aber auch anderswo werden z.B. Bestellungen immernoch von Hand ins ERP System eingetippt).
    Darum finde ich deine Anmerkung zu eProcurement sehr gut, Thomas. Den gerade im B2B Bereich wird sehr vieles bereits elektronisch gemacht, Strichwort: (Elektronisches) Supply Chain Management aka BPM.
    So können z.B. mit der weltweit führenden (gem. Gartner und Forester) BPM Suite Appian gesamte Geschäftsprozesse abgebildet und elektronisch abgewickelt werden, ohne dass der Endkunde (B2B Firma) jemals einen Onlineshop sieht oder brauchen muss…und trotzdem ist alles reines eCommerce / eProcurement…und dies auch beim Erstkontakt (via Browser, iApp, spezielles Handheld, Mail etc).
    Wie die Definition aber ist, wenn der Aussendienstmitarbeiter keine Internetverbindung hat und deshalb einen kurzes Anruf an die Zentrale tätigen muss und dort jemand seine Angaben eintippt…na da lässt sich darüber streiten 😉

    Und ja, B2B wird sicherlich unterschätzt, da es u.a. auch nicht so stark wahrgenommen wird. Ich finde aber auch das eProcurement, sei es im B2B wie auch im B2C Bereich, hat noch sehr viel Potential (gerade in DACH) und unsere Arbeitswelt wird sich sicherlich in Zukunft dadurch verändern.

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