Klartext: Weltbild Schweiz im Gespräch

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Der Handel mit Medien wie Bücher, Musik, Filme etc. ist riesigen Veränderungen unterworfen und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Zum einen als „Ur-Sortiment“ des E-Commerce mit einem der grössten Onlineanteile der je nach Anbieter schon mehr als 50% beträgt.

Zum anderen die fortlaufende Digitalisierung mit E-Books, MP3 und Onlinegames und dann noch mit neuen Konzepten wie Streaming, Flatrates und mehr. Auch in der aktuellen Statistik von VSV/GfK sind die Medien das einzig rückläufige Sortiment.

Rita Graf, Geschäftsführerin Weltbild Schweiz
Rita Graf, Geschäftsführerin Weltbild Schweiz

Die Lage der Medienhändler ist alles andere als beneidenswert. Und noch herausfordernder wird diese, wenn sich negative Pressemeldungen zur eigenen Gruppe häufen, wie es Weltbild in jüngster Vergangenheit ergangen ist. Die Meldungen betreffen grundsätzlich das deutsche Mutterhaus.

Grund genug, beim Schweizer Ableger nachzufragen, wie man mit dieser aussergewöhnlichen Situation umgeht. Denn die Schweizer haben sich in der Aussenwahrnehmung immer relativ unabhängig und zukunftsgerichtet entwickelt.

Davon zeugt auch der 2. Platz mit dem neuen Onlineshop in der Kategorie Electronics & Media am diesjährigen E-Commerce Award.

Wir haben Rita Graf, Geschäftsführerin von Weltbild Schweiz, ein paar Fragen gestellt:

Rita Graf, Geschäftsführerin von Weltbild Schweiz, im Interview

Wie ist Weltbild in der Schweiz organisiert – habt Ihr dieselben Eigentümer wie in Deutschland?

Weltbild Verlag Olten ist ein 100%iges Tochterunternehmen von Weltbild Augsburg. Somit haben wir im Endeffekt die gleichen Eigentümer. Die Schweizer Unternehmung ist jedoch ein rechtlich eigenständiges Unternehmen nach Schweizer Recht.

Wie unabhängig von Deutschland kann Weltbild in der Schweiz agieren, unabhängig von der Eigentümerschaft?

Eine 100%-Tochter ist natürlich nie ganz unabhängig. Allerdings können wir den Schweizer Markt sehr eigenständig betreuen. Das Filialgeschäft liegt voll in unseren Händen. Im e-commerce sind wir von Infrastruktur aus der Mutterfirma abhängig. Aktuell wird da sehr viel entwickelt und wir profitieren davon. Das beweist ja auch unser guter Rang beim e-commerce-Award. Im März 2015 wurde unser Weltbild-Shop völlig neu gestaltet und auch responsiv dargestellt.

Wie eigenständig könnt Ihr beim Sortiment agieren?

Unser Schweiz-Angebot kaufen wir teilweise selbst ein. Der eigene Buchverlag trägt ebenfalls massgeblich zum Schweizer-Sortiment bei. Die Marke SwissVitalWorld ist eine „reine Schweizer Erfindung“ – und notabene mein Lieblingssortiment, das ich selbstverständlich täglich anwende.

Nachdem diese Woche bekannt wurde, dass in Deutschland der Logistik-Dienstleister von Weltbild Insolvenz beantragen muss kommt natürlich die Frage auf, seid Ihr davon auch betroffen?

Ja, die Insolvenzen in Deutschland….das ist kein schönes Kapitel, aber es trägt natürlich auch sehr zur Bereinigung von Altlasten bei. Ich empfinde die aktuellen Geschehnisse in Deutschland eher als Befreiungsschlag. Die zu grossen und zu starren Organisationen aus der Vergangenheit können jetzt aufgelöst werden.

Aber auf deine Frage zurück zu kommen: Nein, unsere Mitarbeiter werden nicht ins Lager abberufen, um Kundenpakete selbst zu schnüren…. Zum Glück laufen die Geschäfte normal weiter. Unsere Kunden bekommen die Pakete in gewohnter Form.

Bücher und Medien allgemein werden fortlaufend digitalisiert und neue Vertriebsmodelle wie Streaming oder Flatrates werden populär. Wie reagiert man bei Weltbild Schweiz darauf?

Das Geschäft mit den e-books läuft erfreulich. Die Frühjahrs/Sommer-Kampagne inkl. TV-Werbung mit unserer neuen Markenbotschafterin Stefanie Heinzmann hat voll eingeschlagen. Wir sehen das an den Umsätzen für die e-books, für den eBook-reader Tolino sowie an den aktuell sehr guten Umfrage-Resultaten zum Weltbild-Bekanntheitsgrad. Diesen konnten wir in den letzten 12 Monaten nochmals markant steigern. Dank Stefanie holen wir auch gegenüber amazon-Reader Kindle grad gewaltig auf.

Vor einigen Wochen hat Weltbild das Angebot erweitert für digitale Hörbücher und Selfpublishing für Bücher. Das Thema Flatrates ist in Vorbereitung.

Noch ein Wort zu den Filialen. Weltbild betreibt in der Schweiz über 30 Filialen – welche Relevanz haben die stationären Flächen für Euch?

Am 6. August haben wir in Baden unsere 34. Weltbild-Filiale eröffnet. Volkiland wird im September folgen. Weltbild betreibt als eine der wenigen Schweizer Firmen ein ausgewogenes Multi-Channel-Konzept. Die Filialen machen fast 50 % der Umsätze aus. Und wie du an den Eröffnungen siehst, stehen wir zu unserem Multi-Channel-Konzept. Übrigens: auch der Katalog wird weiter leben – unsere Kunden werden in diesem Geschäftsjahr an 10 Katalogen ihre Freude haben.

Natürlich müssen wir noch besser werden in der Verzahnung der Kanäle. Wir haben da schon noch die eine oder andere Hausaufgabe zu lösen.

Man hört aktuell, dass viele stationäre Händler ihr Filialkonzept verändern. Mehr Emotionalität bis hin zu „Show-Rooming“, um dem zunehmenden Druck von e-commerce Stand zu halten. Wie entwickelt Weltbild sein Filialkonzept?

Unsere Filialflächen liegen bei 140 m2. Das Konzept kann jedoch auch unter 100 m2 greifen. Lockere und offene Warenpräsentation und Emotionalität, so stellen wir uns die Weltbild Filialen künftig vor. Unsere neu eingestellte Visual-Merchandiserin zeigt hier ihr Können.

Neues Ladenkonzept von Weltbild - Beispiel Filiale Baden
Neues Ladenkonzept von Weltbild – Beispiel Filiale Baden

Wo siehst Du die Branche in der Schweiz in mittlerer Zukunft (3-5 Jahre) – wird sich der Buch- und Medienhandel noch weiter nach Online verlagern oder gibt es hier Sättigungstendenzen

Aktuell sind Sättigungsgrenzen bei Büchern und Musik erkennbar, DVD ist im freien Fall – hier gewinnen die digitalen Angebote extrem schnell an Marktanteil. Im Buchbereich ist die Verschiebung zwischen Print und e-books noch nicht abgeschlossen. Es kann aber durchaus sein, dass die Entwicklung von neuen Technologieformen und das Heranwachsen der Digital Natives ins lesefreundliche Alter zwischen 40 und 60 Jahren nochmals einen Schub auslösen wird.

In welcher Form diese Generation ihre „Bücher“ konsumieren wird, das wird noch spannend und kann noch zu einigen disruptiven Angebotsformen führen. Auch wir können die Zukunft nur einschätzen, auf jeden Fall werden wir unser e-commerce-Geschäft sowie die digitalen Angebote weiter entwickeln und unser Geschäftsmodell so flexibel wie möglich aufstellen.

Besten Dank an Rita Graf für diese offenen Worte und Einschätzungen.

Das Interview wurde schriftlich geführt.


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