«Amazon will 400 stationäre Buchläden eröffnen» Oder der feuchte Traum eines Shopping-Center Managers

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«Amazon will 400 stationäre Buchläden eröffnen» Oder der feuchte Traum eines Shopping-Center Managers

News zu Amazon Gerücht - Screenshot 3-Feb-2016

Anscheinend ganz beiläufig rutschte dem Manager eines grossen Einkaufscenter-Betreibers in den USA in einem Investoren-Call ggü. dem WSJ eine Bemerkung heraus, die heute wohl fast von jedem Medium aufgegriffen wurde.

“You’ve got Amazon opening brick-and-mortar bookstores and their goal is to open, as I understand, 300 to 400”.

Die Presse überbot sich mit Mutmassungen, auch der stationäre (Buch)Handel sieht sich in seiner Strategie betätigt und lässt sich mutmasslich ein sinngemässes „wir haben’s immer gewusst“ entlocken.

Und so manch ein Shopping-Center Betreiber wird heute die Korken knallen lassen, weil er auf einen neuen Ankermieter für sein Auslaufmodell hofft („Online übernimmt: Auslaufmodell Einkaufszentrum“).

Doch warum soll Amazon auf ein Konzept des letzten Jahrhunderts setzen, nachdem Jeff Bezos‘ Konzern es allen gezeigt und letztes Jahr die USD 100 Milliarden Umsatzgrenze geknackt hat.

3 Gründe, warum Amazon nie im grossen Stil Buchläden eröffnen wird

  1. Amazon ist zwar gross geworden mit Büchern, macht aber heute schätzungsweise noch einen Viertel des Umsatzes damit. Es gibt zwar diesen Testladen in Seattle, doch warum sollte sich Amazon auf dieses Sortiment beschränken in einem so grossen Rollout?
  2. Gerade in den USA ist die Digitalisierung des Buchmarktes viel stärker fortgeschritten als bei uns mit Audio- und v.a. E-Books. Amazon wird sich hüten, alleinig auf ein Sortiment mit Verfalldatum zu setzen.
  3. Symptomatisch ist, dass die zitierten Quellen aus der „alten Welt“ kommen und Amazon auf Bücher reduziert. Bzgl. Buch ist das gedruckte Buch für Amazon lediglich ein Puzzle-Teil in der gesamten Wertschöpfungskette vom Autor über Lektorat/Korrektorat bis hin zu Print (on demand). Der Hebel für Amazon liegt im Longtail, warum also sollte sich Amazon aufhalten mit kostenintensiven Flächen-Formaten die auf Bestseller und Schnelldreher fokussieren, was ja online bereits hervorragend funktioniert.

3 Gründe, warum Amazon in Fläche investieren wird

  1. Amazon denkt in Ökosystemen und strebt die vollständige Kontrolle aller Wertschöpfungs-Komponenten an. Das zeigen auch die jüngsten Entwicklungen im Bezug auf Logistik (LKW-Flotte, Frachtflugzeuge, Hochsee-Schiffahrt). Und vor allem wird die Nähe zum Kunden gesucht, damit noch schneller ausgeliefert werden kann und vor allem auch, dass die richtigen Sortimente im richtigen Moment in die richtigen Regionen verschoben werden. Amazon hat hierzu vor genau 2 Jahren ein entsprechendes Patent für „Anticipatory Shipping“ eingereicht. Hierzu könnten kleine Flächen-Formate hervorragend passen.
  2. Amazon probt in verschiedenen Regionen auch in Deutschland Same-Day-Delivery. In New York verfolgt man die One-Hour-Vision wozu man im Zentrum von Manhattan bereits vor längerer Zeit Fläche gemietet hat. Fläche, nicht für einen Buchladen sondern Fläche als Logistik-Hub und Drehscheibe für die schnelle Auslieferung. Denn wenn ich die Ware 30 bis 60 Minuten nach Bestellung habe, warum soll ich dann noch in einen Laden? Oder gar in einen Laden mit Büchern, wo es wenig um die Haptik geht, sondern um den Inhalt. Und der ist online hervorragend aufbereitet. Strategisch ist die Investition in kleine Logistik-Hubs sinnvoll.
  3. Auch Amazon weiss, dass es für Bücher keinen eigentlichen Laden braucht, auch wenn derjenige in Seattle ein Vorzeigebeispiel für einen digitalisierten POS darstellt. Vielmehr können Flächen für Amazon als Showroom-Formate sinnvoll sein. Zum einen, um die eigene Produktpalette von Endgeräten wie Kindle bis hin zu neuen Shopping-Devices wie Amazon Echo, Amazon Dash-Button oder Amazon Pantry nahe beim Kunden zu zeigen. Zum anderen, um Kunden Sortimente zu präsentieren, die eher mit höheren Retouren-Quoten behaftet sind wie Fashion etc.

«Unerbittliches» Amazon

Amazon Quittung - PopUp Store Westfield Mall San Francisco, April 2015

Amazon Quittung – PopUp Store Westfield Mall San Francisco, April 2015

Gut möglich, dass wir bald auch stationär bei Amazon einkaufen werden. Aber sicher nicht alleinig Bücher. Und sicher nicht in einem Ladenformat, das konzeptionell den heute bekannten Formaten entspricht.

Denn Amazon wird weiter unerbittlich sein Ökosystem ausbauen und sein Business-Modell verfolgen. A-propos „unerbittlich“ – das englische Wort dafür heisst „relentless“. Und das war der Name, den Jeff Bezos ursprünglich für sein Unternehmen wählen wollte, das heute als „Amazon“ bekannt ist.

„Relentless“ funktioniert übrigens heute noch: www.relentless.com


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Thomas Lang

Jahrgang 1968 - Geschäftsführer und Inhaber der Carpathia AG, der unabhängigen und neutralen Unternehmensberatung für E-Business und E-Commerce. Autor von zahlreichen Fachartikeln und -studien, Dozent für Online-Vertriebsmodelle an verschiedenen Hochschulen sowie gefragter Referent an intl. Konferenzen zum Thema E-Commerce und Digitale Transformation im Handel.

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2 Kommentare

  1. Amazon und die Buchläden

    […] Thomas Lang bei Carpathia über das Medienmeme der 300 bis 400 Buchläden von Amazon: […]

  2. Hans-Dieter Zimmermann

    Danke Thomas für die gelungene Analyse, die es mal wieder auf den Punkt bringt!
    Nein, das Geschäftsmodell von Amazon braucht nicht wirklich Ladenlokale, die Zahlen sprechen für sich. Und wer Amazon immer noch als virtuellen Buchladen ansieht, war wohl länger nicht Online…
    Aber aus der Perspektive des Ökosystems Amazon kann es IMHO trotzdem Sinn machen, Ladenlokale in der Fläche zu bewirtschaften: Es wird auf absehbare Zeit genügend Konsumenten geben, die aus verschiedenen Gründen (auch) ein (komplementäres) physisches Kauferlebnis wünschen. Im Vergleich zum klassischen Einzelhandel werden diese Amazon-Läden aber zwei entscheidenden Vorteile haben: 1. sind sie Teil des Logistiksystems von Amazon, notabene Teil des Ökosystems Amazon, und 2. wird das Sortiment der Läden und/oder Showrooms Dank Big Data (u.a. predictive Analytics) äusserst präzise auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten werden können.

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