Uhren: Eine Branche gönnt sich den Luxus, den Vertrieb aus der Hand zu geben

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Gerade als Schweizer tut es einem sichtlich weh mit ansehen zu müssen, wie eine ganze Branche nicht nur den Anschluss bzgl. Digitalisierung und Smartwatches verpasst (Die Uhr tickt: Verschläft die Uhrenbranche das digitale Zeitalter?), sondern seit Längerem drauf und dran ist, die Vertriebskontrolle zu verlieren.

Denn E-Commerce macht schon länger nicht vor dem Premium- und Luxus-Segment halt. Warum nicht? Weil Kunden problemlos bereit sind, auch etwas tiefer in die Tasche zu greifen und auch Produkte die mehrere Tausend Franken kosten, online zu ordern. Bei der Mode ist dies bereits seit einigen Jahren zu beobachten, auch wenn sich dann ein Richemont-Konzern erlaubt, sein digitales Tafelsilber zu verscherbeln und mit Yoox zu fusionieren, wo nun 2015 Online-Umsätzen von knapp CHF 2 Milliarden erzielt wurden.

Es wird nicht mehr lange dauern und wir werden auch Autos online ordern. In Deutschland soll bereits jeder 10. Neuwagen online bestellt worden sein und in Europa hat im vergangenen Jahr Volvo gezeigt, wie man innert 48 Stunden CHF 200 Mio Umsatz erzielt.

Warum also soll die Digitalisierung der Vertriebsmodelle vor Luxus-Uhren halt machen?

Selbst bei Amazon sind Uhren zum Stückpreis von CHF 50’000 zu haben. Vermutlich finden sie dort (noch) nicht wirklich Käufer, wenn man den humorvollen Kommentaren Glauben schenken mag.

Ganz anders jedoch bei den auf Luxus-Uhren spezialisierten Plattformen. Ein Pionier in diesem Segment ist sicher Chrono24 aus Karlsruhe. Seit 2003 im Geschäft konnte im vergangenen Jahr eine erste Finanzierungsrunde über EUR 21 Mio. abgeschlossen werden. Bereits 2014 sollen Uhren in einem Wert von über EUR 550 Mio über Chrono24 einen Käufer gefunden haben. Ach ja – wen wundert es – Chrono24 ist auch in der Schweiz aktiv.

Zalando Gründer investieren in Uhren Plattform

Lukrative Märkte mit Disruptionspotential erscheinen meist früher als später auch auf dem Radar der Berliner Startup-Szene. Vor nicht mal einem Jahr wurde Watchmaster lanciert, die mittlerwelie mit USD15 Milllionen finanziert sind – zu den Investoren gehören unter anderem auch die  Zalando-Gründer Robert Gentz und David Schneider.

Online Luxus-Uhren sind heiss, wie Deutsche Startups resumiert:

„Onlineaffine Uhrenfans können über die Plattform teure Uhren – etwa von Rolex, Breitling und Omega kaufen und verkaufen. Dabei kümmert sich das Start-up auch um die Überprüfung der Echtzeit, die Wartung der Uhren und gegebenenfalls auch um Reparaturen der teuren Chronometer. (…) Chrono24 sammelte zuletzt 21 Millionen Euro ein. In Chronext flossen zuletzt über 5 Millionen Dollar. Montredo wiederum sicherte sich im vergangenen Jahr ebenfalls eine Millionenfinanzierung.“

Luxus Uhren Hersteller geben Vertrieb aus der Hand

Wer heute bei Google nach „Rolex Kaufen“ sucht, mag verwundert die Augen reiben; die erste Seite wird dominiert von Marktplätzen, Gebraucht-Plattformen, Preisvergleichen und mehr.

"Rolex Kaufen" Google Suchresultate (Stand 10-Feb-2016)
„Rolex Kaufen“ Google Suchresultate (Stand 10-Feb-2016)

Matthias Sinner von SinnerSchrader hat bereits 2011 in seinem Impulsreferat auf dem Europäischen Onlinehandelskongress sehr schön dargestellt, wie Rolex geradezu fahrlässig das Online-Zepter aus der Hand gibt. Nicht nur hat er obige Google-Suche bereits damals ähnlich analysiert. Der Luxus-Brand gab bereits vor gut 4 Jahren den Grossteil des Traffics von Kauf-Interessierten aus der Hand.

Traffic-Verteilung von Rolex-Interessierten - Quelle SinnerSchrader 2011
Traffic-Verteilung von Rolex-Interessierten – Quelle SinnerSchrader 2011

Die Schweizer Uhren-Brands scheinen sich also nach wie vor den Luxus zu leisten, den Vertrieb den aufstrebenden Online-Marktplätzen überlassen zu wollen und sie zieren sich, selber online zu kaufen. Man kann höchstens darüber spekulieren, warum dem so sei; ob ihre Produkte zu gut sind für das Onlinegeschäft oder die Klientel, die sie sich wünschen, nicht online einkauft. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache und die aufstrebenden Marktplätze freuts.

Kommt hinzu, dass gerade im vergangenen Jahr das Luxus-Segment auch wegen dem starken Franken gelitten hat. Zwar weisen die Uhren-Hersteller immer noch tolle Verkaufszahlen vor, doch die meisten Händler sitzen auf hohen Lagerbeständen und suchen händeringend nach neuen Absatzmöglichkeiten.

Und da kommen die Online Uhren-Marktplätze gerade richtig, denn die Kunden sind bereits online. Es scheint, als greife ein Zahnrad schön ins andere, wie in einem guten Uhrwerk. Die Triebfeder sind aber nicht die Hersteller, sondern die Kunden.

UPDATE 11-FEB-2016 17:00

Da der asiatische Markt stark rückläufig ist, sitzen die Händler auf hohen Beständen an Luxus-Uhren und versuchen diese, auch via Amazon, eBay & Co. abzusetzen. Das Wirtschafts-Magazin Fortune hat gerade heute da einen beeindruckenden Artikel über die Situation an der US-Ostküste publiziert: Swiss Watches Are Getting More Affordable


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2 COMMENTS

  1. Das ist in so gut wie in allen Branchen, in der Schweiz, der Fall. Das Beispiel mit der Suchanfrage „Rolex kaufen“ ist auch etwas unglücklich gewählt, aus meiner Sicht. Weil die Suchanfrage, den Brand schon beinhaltet. Da kann man auch nicht viel mehr erwarten in den Resultaten bei Google, höchstens noch Rolex auch organisch auf Platz 1. Es wäre besser nach „Luxusuhr kaufen“ zu suchen. Bei diesem Begriff ist die ganze Branche gefordert, nicht nur ein einzelner Brand. Diese Suchanfrage zeigt aber noch viel deutlicher wie Recht Sie mit diesem Artikel haben.

    Da gibt es aber noch ganz andere Kaliber (Branchen), welche die Bedeutung der Digitalen Welt noch nicht so wahrnehmen. Z.B.: Die Suche nach „Krankenkasse abschliessen“. Die grossen Player sind auf der ersten Seite bei Google gar nicht vertreten. Das Problem hat verschiedene Ursachen. Neben der Blindheit für das Online Marketing, ist auch ein grosses Problem, dass man keine kompetenten Fachkräfte findet in der Schweiz. Auch wenn man will, fehlt es an Knowhow.

    Bei der ganzen Diskussion, darf man aber auch den User ansich nicht vergessen. Google hat das Ziel dem User das beste Ergebnis zu liefern. Da haben Marktplätzen, Gebraucht-Plattformen, Preisvergleiche einen Vorteil gegenüber den einzelnen Anbietern. Man bietet das grössere Sortimen, zusätzlich den Preisvergleich etc. an. Als bekannte Marke, muss man besonders kreativ sein, um den User glücklich zu machen und dadurch die SERPS bei Google zu dominieren.

    Da gibt es aber noch ganz andere Kaliber (Branchen), welche die Bedeutung von digital noch nicht so ernst nehmen. Z.B.: Suche nach „Krankenkasse abschliessen“. Die grossen Player sind auf der ersten Seite bei Google gar nicht vertreten. Das hat verschiedene Ursachen. Neben der Blindheit, ist auch ein grosses Problem, dass man keine kompetenten Fachkräfte findet in der Schweiz.

  2. Also dass die Krankenkassen die digitale Welt „noch nicht so wahrnehmen“ kann ich definitiv nicht so unterschreiben. Klar sieht die Google Resultatseite heute etwas karg aus (im Paid Bereich). Das ändert sich aber schlagartig zu Wechselsaisons (so ab August). Da steigen die CPCs gerne mal um das 4- bis 5-fache an.

    Auch haben einige Krankenkassen das Thema Landing-Page- und Conversion-Rate Optimierung meiner Einschätzung nach ziemlich gut im Griff…zumindest verglichen mit Playern aus Branchen in der Schweiz.

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