Jochen Krisch: Ricardo, Siroop und was die Schweizer online wirklich wollen

2
155

Dieser Gastbeitrag von Jochen Krisch ist ursprünglich am 16-Mai-2016 bei Exciting Commerce publiziert worden.

Jochen Krisch, Exciting Commerce
Jochen Krisch, Exciting Commerce

Seit 1995 befasst sich Jochen Krisch mit Handels- und Verkaufskonzepten in den elektronischen Medien.

Der Branchenexperte für E-Commerce ist seit mehreren Jahren als unabhängiger Branchenanalyst und Berater tätig.

Bei der E-Commerce Connect Konferenz moderiert er jeweils das K5-Panel, benannt nach der gleichnamigen Konferenz, welche nächstes Mal in Berlin am 13./14. Juni 2016 stattfinden wird.


Seit dem Dammbruch im letzten Jahr („Die Schweiz öffnet Schleusen für den deutschen Online-Handel“) können sich hiesige Händler die Hände reiben („Auslandeinkauf trifft auch Online mit voller Wucht“). Der grenzüberschreitende Handel boomt. Und die Zahlen zeigen, was sich die Schweizer vom Online-Handel wirklich wünschen: günstige Einkaufsmöglichkeiten, gerne auch jenseits der Schweizer Grenzen.

Ernsthaft kundenorientierte Anbieter würden diesem Kundenbedürfnis Rechnung tragen und statt weiterer Goodwill-Angebote („KALOKA: Post startet Marktplatz für stationäre Kleinhändler“), mit denen sich vor allem der stationäre Handel melken lässt, kundenfreundliche Angebote eröffnen, die internationalen Versendern den Weg in den Schweizer Markt ebnen.

Nutzen Ebay und Ricardo die Gunst der Stunde?

Vor allem für Ebay wäre das eine Riesenchance, um in der Schweiz doch noch zu punkten. Oder manmacht es wie Ricardo („Amazon-Marktplatz-Chef soll Ricardo aus der Krise führen“) und holt sich jemanden, der das Marktplatzgeschäft für Amazon in Deutschland aufgebaut hat und lässt ihn – idealerweise mit deutschen Händlern – ein entsprechendes Angebot in der Schweiz hochziehen. Die Schweizer Kunden würden es danken. Man kann allerdings gespannt sein, ob ein angestammtes Medienhaus wie Tamedia so weit gehen würde.

Von den großen Schweizer Handelsgruppen sind derlei Angebote jedenfalls weiter nicht zu erwarten. Das wurde auf der Swiss E-Commerce Connect (via) diese Woche in Zürich deutlich: Die Migros-Gruppe ist weiter zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und auch die Coop-Gruppe will mit Siroop erstmal lieber den lokalen Handel melken.

Zalando rückt der Schweiz näher denn je

Das eröffnet die Chance für internationale Plattformbetreiber wie Zalando („Zalando übernimmt Tradebyte für seine Plattformstrategie„), das die Schweiz zum Weihnachtsgeschäft grenznah mit Mode bedienen will(„Zalando errichtet Logistikzentrum in Lahr in Südbaden“) – von Lahr an der nördlichen Grenze ebenso wie heute schon vom italienischen Stradella aus:

zalandolahr

Schon erstaunlich, wie sehr man sich auch in der Schweiz so kurz vorm Tsunami noch jeder Menge Illusionen hingibt und sich mit nachrangigen Themen und Konzepten befasst, die größtenteils an den wahren Kundenbedürfnissen vorbeigehen und die wirklich wichtigen Fragen dabei ausblendet.

Erstaunlich bleibt zudem, wie sehr sich der Schweizer (Online-)Handel auf sich selbst beschränkt und wie wenig er über den eigenen Markt hinausdenkt. Warum zum Beispiel können ein Net-a-Porter, ein Farfetch, ein Watchmaster oder andere international relevante Konzepte nicht aus der Schweiz kommen?


Nichts mehr verpassen! Dann machen Sie es wie bereits aktuell 4095 andere Leser. Verpassen Sie keinen Beitrag mehr und erhalten Sie jeden Sonntag ab 16 Uhr alle Artikel der aktuellen Woche per E-Mail bequem in Ihre Inbox geliefert.

E-Mail Adresse erfassen genügt.


Creative Commons Dual Lizenz Dieser Beitrag ist als Werk unter einer Creative-Commons Lizenz geschützt.
 Was bedeutet das?

2 COMMENTS

  1. Eine typische Eigenart des Schweizer Detailhandels ist es anscheinend, sich selbst vor allem innerhalb der Landesgrenzen zu definieren. Wenn man an die halbherzigen oder kaum vorhandenen Versuche der grossen Anbieter des klassischen Retails in den letzten Jahrzehnten denkt, ins Ausland zu expandieren, dann wundert es irgendwie nicht, dass sich diese Mentalität auch auf Geschäftsmodelle in anderen Kanälen auswirkt. Ob Retail, Online, Payment-Systeme oder Zusammenschluss-Modell, man bleibt doch am liebsten unter sich und in der Schweiz. Ausserhalb pfeift ja auch ein anderer Wind und das ist dann vielen Leuten zu viel Risiko, zu unbequem oder mit zu wenig Gewinnaussichten verbunden. Nur Pech, dass die ehemals friedliche Insel nicht mehr nur ein nettes Tourismus- sondern mittlerweile auch attraktives Business-Ziel geworden ist. Man kann förmlich sehen, wie der grosse Haifisch, der in Form vieler ausländischer Anbieter plötzlich aufgetaucht ist, gerade in Zeitlupe zuschnappt. Es tut ja auch schon weh und blutet eigentlich auch schon längst, aber das war leider auch erst der Anfang.

LEAVE A REPLY