Sind Bitcoin, Kryptowährungen und Blockchain die Heilsbringer im E-Commerce?

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Für ganz eilige Leser hier zuerst die Kurzversion dieses Beitrags in zwei (in Zahlen: 2) Worten:

Jein

Für alle anderen eine launige Anekdote aus anno domini, der ewig und drei Tage zurückliegenden Epoche. wo Bitcoins noch neu, nerdig und irgendwie disruptiv waren.

Am 22. Mai 2010 zahlte Laszlo Hanyecz, ein Bitcoin Programmierer der ersten Stunde einem Bitcoin Talk Forum Buddy die Summe von 10,000 BTC für zwei Pizzen eine Pizza Tinga Taco (Chicken Tinga, Cayenne Pfeffer, frische Ananas, Zwiebeln & heisse Aji Verde Salsa) und eine Pizza WorksTM (Salami, Chorizo, Schinken, Portobello Pilze, Grüne Peperoni, Zwiebeln und schwarze Oliven) von Papa John’s. Damals, die Technologie war gerade mal etwas über ein Jahr alt, entsprach diese Summe ungefähr einem Wert von US$25. Nach heutigem Kurs hätten die reichlich belegten Teigfladen also einen Wert von  $5.12m – wohlverstanden JE.

Kursentwicklung Bitcoin (BTC) / USD – Quelle Coindesk

Heute feiert die zugegeben immer noch leicht nerdige Kryptowährungsgemeinschaft am 22. Mai jedes Jahr den ‚Bitcoin Pizza Day‘. Für alle anderen ist es schlicht der Tag, an dem die erste ‚Real World‘ Transaktion mit Bitcoins den Weg bereitete für die Akzeptanz im Online Handel.

Laues Bitcoin-Rauschen im Schweizer Online Wald

Ob sich die Schweizer Onlineshops vorhangbox.ch & weisservorhang.ch von dieser Geschichte inspirieren liessen? Beide geschäften aus dem Cryptovalley rund um Zug und kündigten diese Woche an, neu auch Bitcoins als Zahlungsmittel in ihren Onlineshops zu akzeptieren.

Man weiss es nicht genau. Auf jeden Fall sind sie nicht allein. Bereits über 70’000 Online-Händler wickeln weltweit durchschnittlich fast 60’000 Blockchain Transaktionen täglich ab. Daten von coinmap.org legen ferner nahe, dass allein mehr als 100 stationäre Pizzabäcker Bitcoins gegen ihre aus Neapel (oder New York, je nach Religionszugehörigkeit) stammenden Fladenbrote zu tauschen. Grund genug für uns, die im Titel gestellte Frage noch einmal zu stellen, mehr als 3 Jahre nach dem Blogpost ‚Bitcoins & E-Commerce‘.

Die Initiative aus der digitalen Vorhangecke ist spannend, zumal gerade dort nur wenige Experten die Early Adopter der E-Commerce Branche vermuten würden. Der Move selbst zielt wahrscheinlich mehr auf Medienresonanz ab und weniger auf die Erwartung, massiv mehr Umsätze zu generieren aufgrund zusätzlichen Zahlungsoptionen. Das bei den Kunden weitaus beliebteste Zahlungsmittel bei Warenbestellungen im Internet war wohl auch 2016 ‚Kauf auf Rechnung‘. Bevor sich nun reihenweise andere Onlineshops als Lemminge hinter den Crypto-Valley Vorhangpionieren in die Reihe stellen, scheint es uns sinnvoller, im Gespräch mit dem Payment Service Provider (PSP) ihres Vertrauens auszuloten, ob bei den gängigen Zahlungsmittel schon alles auf ‚grün‘ steht. Einige aus der (zweiten) Garde der PSPs sind es auch, welche zB bei Transaktionen auf amazon.com Bitcoins gegen Amazon Gutscheine / Guthabenkarten vermitteln. Diese 2-stufige Form der Transaktion (Bitcoin – Gutschein – Amazon Warenkorb) scheint noch nicht der Weisheit letzter Schluss in Bezug auf eine stimmige Kundenerfahrung. Noch sind Bitcoin-Zahlungen auch deshalb bei Online-Käufen eher ein Randphänomen.

Bitcoin Wallet – Quelle Ariel Zombelich WIRED

Der Tipping-Point ist nah. Oder auch nicht.

Im oben erwähnten Blogpost von Februar 2014 stellten wir die rhetorische Frage, ob der Durchbruch von Bitcoins im Online Handel bevorsteht. Nun, einer der wichtigsten digitalen Technologietreiber war in der Vergangenheit stets die Pornoindustrie. Bei Kryptowährungen und Blockchain ist diese Vorreiterrolle bisher aber (noch) nicht von der Erotik-Branche reklamiert worden. Auf einer Metaebene von Blockchain erachte wir neben Payment-Transaktionen vor allem die Themen ‚Verifikation’ und ‚Authentifizierung / Wertermittlung bzw. –transparenz’ als Schlüssel für die Verbreitung an. Blockchain wäre prädestiniert zB bei der Digitalisierung des Grundbuchs oder dem Handel mit Kunst, Antiquitäten und Liebhaberobjekten wie alte Uhren oder Oldtimer-Fahrzeuge willkommene Transparenz und eine hohe Abwicklungseffizienz zu garantieren. Vorausgesetzt die Bitcoin-Gemeinde findet Lösungen, die drei wesentlichsten technischen Mängel:

  • Stromverbrauch (Die Datenbank verbraucht für eine Transaktion die gleiche Menge Strom, wie 2 Schweizer Haushalte pro Tag)
  • Kapazität (Pro Sekunde verarbeitet die dezentrale Bitcoin Blockchain gerade mal 3 Transaktionen
  • Bestätigungszeit (bis zu 10 Minuten!)

Allein von der aktuell geltenden Kostenstruktur drängt sich kein rasches Handeln auf. In der Schweiz profitieren wir von einer hochgradig performanten und verhältnismässig günstigen Payment-Infrastruktur für Transaktionen in CHF. Die durch die Einführung von Kryptowährungen zu erzielenden Skalenerträge sind deshalb auf der Technologieebene marginal. Was im Binnenmarkt gut funktioniert, hat aber gerade im grenzüberschreitenden Handel da und dort noch seine Tücken. Für den Eintritt in aufstrebende Märkte in Afrika, Südamerika, dem Mittleren Osten und Asien könnte sich eine vertiefte Auseinandersetzung mit Bitcoin als Zahlungsmethode durchaus lohnen. Nicht zuletzt deshalb, weil in den betroffenen Länder die Verbreitung von Kreditkarten aber auch von Bankkonten nur bedingt mit der westlichen Welt vergleichbar sind. Eine Kombination von Mobile und Kryptowährung könnte da eine willkommene Abkürzung darstellen, sowohl für die Shopbetreiber als auch für die gesamte Volkswirtschaft in diesen Regionen.

Simple Technik

Technisch ist die Einbindung von Bitcoin bzw. Kryptowährungen für die Onlinehändler keine grosse Sache. Insbesondere dann nicht, wenn die Zahlungsabwicklung über einen etablierten PSP erfolgt. Ob die Zurückhaltung bei den Händlern von den gerade in den vergangenen Wochen wieder volatileren Kursschwankungen herrührt? Die Transaktionsvolumen im B2C sind dafür noch zu überschaubar, dies damit zu rechtfertigen. Falls eine Partei jedoch zB einen Occasions-Flugzeugträger mit Bitcoin bezahlen möchte, überwiegen die Vorteile wie zB relative Anonymität der Kryptowährung..

Was sind die offensichtlichen Nachteile von Kryptowährungen für Onlinehändler? Der grösste Nachteil von Kryptowährungen ist wahrscheinlich das fehlende Wissen in der Bevölkerung über die Vorteile. Und natürlich die Reichweite. Heute fehlen schlicht die eingängigen und vor allem für die Zahlungsmethode exklusiven Use-Cases, als dass sich die Late Majority schon sehr aktiv mit dieser Zahlungsmethode auseinandersetzen müsste.

Die regulatorischen/rechtlichen Hürden sind vernachlässigbar. Solange sich die schlagkräftigen Lobbyorganisationen der etablierten Finanzmarkt-Teilnehmer nicht aktiv gegen die Technologie positionieren, wird sich der Gesetzgeber wohl auch hüten, hier in vorauseilendem Gehorsam unnötig Schaden anzurichten. Dies meint u.a. auch Andy Waar, ein angesehener Fintech Experte und Mitarbeiter der UBS.

Der Schweizer Weg als Glücksfall?

Im Vergleich mit dem Ausland wählt die helvetische Online Branche einen nicht-untypischen Weg: In einem Wort ‚schweizerisch’ – es gibt ein paar ‚early adopter’. Je nach Nähe oder persönlichem Engagement bei einem Fintech-Startup in diesem Bereich experimentieren auch Händler mehr oder weniger aktiv. Aber wirklich ‚Mainstream’ ist die Zahlung mit Kryptowährungen in der Schweiz noch nicht. Das erklärt den marginalen Anteil von Transaktionen mit Schweizer Bezug am globalen Handelsvolumen. Patrick Schöni von Jud Schöni & Partner AG, ein weiterer geschätzter Peer aus der Fintech-Gilde meint, dass die in Blockchain eröffneten Geldbörsen (Wallets) gerade in den letzten paar Monaten stark gestiegen sind. Mittlerweile sind es über 10 Millionen Wallets. Daraus lässt sich schliessen, dass die Akzeptanz der Technologie steigt und die Skepsis in Bezug auf Volatilität & Sicherheit mehr und mehr schwindet.

It’s the Customer Experience, stupid – ja, auch hier…

Um aus der Ecke der Nerds und Technik-Afficionados rauszukommen braucht es neben Reichweite vor allem auch eine stimmige (mobile) Kundenerfahrung. Das gilt nicht nur bei der erfolgreichen Einführung von Kryptowährungen als Zahlungsmittel. Die bisher vorgestellten Use Cases sind noch nicht in allen Aspekten überzeugend. Wenn es aber gelingt, Blockchain als Meta-Technologie derart in eine Transaktionsarchitektur einzubinden, dass zum Beispiel das vielfach schwerfällige ‚Burn’ von Sekundärwährungen wie Airline-Meilen oder Loyalitäts-/Bonuspunkten (Supercard et al.) mit anderen digitalen Hebeln wie Access-Technologien oder Peer-to-Peer Konzepten zu verbinden, entstehen Ecosysteme, die exponentielle Potentiale erschliessen könnten. Gerade ein Denken im Ecoystem könnte für Blockchain-Technologien zum Tipping-Point werden. 

Lassen Sie uns deshalb zum Schluss ein entsprechendes Beispiel noch etwas konkreter fassen: Wenn ich über 2 Klicks im Krypto-Wallet auf dem Smartphone allein schon alle meine Sekundärwährungen aggregieren kann und damit zB am Hauptbahnhof Zürich digital Zugang (Access) in den McClean Bereich mit sauberen Toiletten / Duschen erhalte, 200 Meter weiter ein Mietvelo aufschliessen kann oder on the fly einen Lotterieschein bezahle, dann rückt die Technologie in den Hintergrund. Also genau dahin, wo sie hingehört, wenn sie im Alltag allgegenwärtig werden soll. Die ersten Marktteilnehmer, welche sich in diesem Bewusstsein zusammentun und ihre Siloaktivitäten kombinieren, werden zweifellos zu den Gewinnern gehören.

Meine persönliche Hoffnung ist, dass wir in der Schweiz hier mutig voran schreiten und nicht wie bei PSD2 – der bis 2018 europaweit geltenden Zahlungsdirektive, abseits stehen.

 


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