Von Kutschen und Gewichtszoll: Die Schweizer Anti-Digitalisierungs-Politik

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Während Exponenten aus Wirtschaft und Politik gerne Digitalisierungs-Manifeste schreiben und sich in der Silicon-Sonne sonnen wurstelt der Beamten-Apparat ungehindert weiter und meisselt den Ruf der Schweiz als Bananenrepublik in die Schiefertafeln.

Nach wie vor ist die Schweiz weltweit (!) die einzige Handelsnation, die den Gewichtszoll anwendet. Und alle (Online)händler, die in die Schweiz liefern, müssen jede Gürtelschnalle, jeden Sneaker oder jeden BH wägen. Denn der Schweizer Zoll bemisst sich nach Gewicht und nicht nach Wert…

Dies spürt im Moment gerade Zalando, die im Rahmen ihrer Plattformstrategie das Partnerprogramm stark ausbauen und zahlreiche Händler und Hersteller über ihre Plattform verkaufen lassen. Doch mit dem Verkaufen alleine ist es nicht getan, für den Schweizer Zoll müssen die Artikel seit Jahrhunderten zusätzlich noch gewogen werden.

Ähnlich wie beim Amazon-Marketplace hat diese wirtschaftsfeindliche Heimatschutz-Zollpolitik zur grotesken Folge, dass zahlreiche Produkte und Sortimente für die Schweizer Kunden nicht erhältlich sind, wie die Bilanz in ihrer aktuellen Ausgabe schreibt:

Doch die Schweizer Zollbestimmungen verhindern, dass alle in die Schweiz liefern können. Die Händler müssten die Formalitäten selber übernehmen, doch nicht alle haben das nötige Personal.

Das Wägen jedes einzelnen Artikels und das Ausstatten mit den korrekten Zollnummern exklusiv für die Schweizer Zollbeamten verursacht hohe Aufwände und Kosten.

So beschäftigt Zalando alleine für diese Zollabwicklungen zusätzlich 20 Leute. Denn bei jedem neuen Turnschuhmodell müssen für Lieferungen in die Schweiz alle Grössen gewogen werden, meint Linus Glaser, Chef von Zalando Schweiz und Österreich.

Wir müssen das Gewicht von über 200’000 Produkten messen und dafür im Lager viel Kapazität schaffen.

Und der Zoll sei offenbar knallhart:

Schon 20 Gramm zu viel können problematisch sein.

Ginge es nach der Schweizer Politik, würden die Waren wohl in Jute-Säcken auf Kutschen in die Dörfer der Alpenrepublik gekarrt.

Währenddessen sich der Rest der Erde um die Herausforderung der Digitalisierung kümmert, poliert die Oberzolldirektion wohl weiterhin die Gewichtssteine. Exemplarischer könnte wohl die eidgenössische Zoll-Réduit-Politik und die digitale Zukunft nicht zusammenprallen.

Digitale Plattform-Strategien und der eidgenössische Gewichtszoll
Digitale Plattform-Strategien und der eidgenössische Gewichtszoll

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4 COMMENTS

  1. Naja, auch wenn es sicher nicht gerade fortschrittlich ist, wenigstens ein Vorteil für inländische gegenüber ausländischen Anbietern. Wo gerade hier doch sonst gegen die Bevorzugung von zBsp chinesischen Anbietern bei Post, Porto und Zoll gewettert wird…?

    • Das Sie dies als „wettern“ empfinden, bedauern wir. Es ist unser bestreben, immer argumentativ Kritik zu üben. Sie vermischen hier zwei verschiedene Herausforderungen:
      1) Chinesische Anbieter werden durch den Weltpostverein bevorzugt – indirekt finanziert durch Sie und alle Händler und Bürger. Bzgl. Zoll hat dies wenig Impact, da mehr als 95% der Pakete aus China falsch deklariert sind.
      2) Wenn solche altertümlichen Zollmethoden als Vorteil für Schweizer Händler gesehen werden, dann wäre das hifloser Protektionismus der alles andere als nachhaltig ist.

      • Ich habe wettern nicht so negativ gemeint. Die Beiträge sind wirklich sehr gut geschrieben! Sorry wenn das falsch verstanden wurde. Natürlich ist dies nicht nachhaltig. Aber ein kleiner positiver Nebeneffekt der sich hier aus der Lathergie der Behörde ergeben hat.

  2. Das sehe ich ähnlich wie Herr Pavioni.
    Protektionismus ist bestimmt nicht die Lösung, aber er sollte von beiden Seiten abgebaut werden. Es sollte für alle gleich einfach sein, Gross oder Klein. Uns als kleiner Online Shop ist es fast unmöglich, den ausländischen Markt zu erschliessen. Da scheitert es für uns am Zoll. Wenn kleine Online Shops den Europäischen Markt einfacher erschliessen könnten würden die Preise in der Schweiz automatisch fallen und der Einkaufstourismus reduziert werden.
    Anscheinend ignorieren unsere Politiker das Problem und erkennen das Potential nicht, Geld in kleinen Tranchen in die Schweiz zu holen.

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