Interview: Trends im E-Commerce (Teil 2/3)

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Fortsetzung von Teil 1

Gehen wir zum dritten Trend. Individualisierte Produkte. Zunächst wieder Ihr genereller Eindruck.

Überzeugt mich. Funktioniert aber nur, wenn Sie eine hohe Prozessintegration im Hintergrund laufen haben. Wenn Sie individualisierte Produkte anbieten und sei es jetzt über einen Konfigurator oder was auch immer der Gegenstand ist, den man individualisieren kann.

Wenn Sie das nahtlos bis in die Produktion reinschieben können und dann die Logistik hinten randocken können, dann funktioniert das tadellos. Weil mit individualisierten Produkten können Sie locker auch etwas mehr dafür verlangen, weil der Kunde bereit ist, mehr dafür zu bezahlen, weil es per se für ihn hergestellt wird oder zumindest entsteht dieser Eindruck. Und das ganze hängt natürlich davon ab, wie stark automatisiert und integriert ihre Prozesse im Hintergrund ablaufen.

Hatten Sie ein Produkt wie mymüsli erwartet gehabt und meinen Sie da kommen noch Überraschungen auf uns zu?

Mymüsli spielt auf jeden Fall mit dem wunderbaren Überraschungseffekt. Das ist natürlich überall ein Aha-Erlebnis, egal wo man das erwähnt. Also ich denke da gibt’s sicher noch Potenzial. In U.K. also in England mit www.blendsforfriends.com, kann man Teegeschmacksrichtungen zusammen mischen. Konzepte die sich im Bereich Nahrungsmittel relativ nahe kommen. Das ganz natürlich noch im Abonnement, so dass man sich Wochen- oder Monatsrationen zustellen kann.

Meinen Sie wir sind schon weit in dem Trend oder steckt dieser noch in seinen Kinderschuhen?

Ich denke von der Ausbreitung sind wir natürlich noch am Anfang. Auf der anderen Seite sind auch Photobücher die ich selber online gestalten kann bis zu einem gewissen Grad individualisierte Produkte, die ich mittels einer Software oder direkt im Browser selber agieren kann. Halt standardisiert aber für mich auch ein großer Anteil vom Mass Customizing. Da sind wir dann also schon im Reifegrad drin, aber in Richtung mymüsli wird sicher noch einiges kommen. Also ich kann das nicht so generell bestätigen.

Lassen Sie uns zum nächsten Trend übergehen. Die Mulitmedia Presentations. Das hatten Sie ja auch schon zu beginn angesprochen, dass Videos im kommen sind. Vielleicht noch ein paar Sätze dazu.

Vor allem Videos sind im kommen, da ich zum einen viel bessere Möglichkeiten habe das ganze zu präsentieren, auch mit 3D Funktionalitäten. Am Bildschirm kann ich in Ruhe das Produkt im Detail betrachten und es nochmals und nochmals anschauen . Manchmal habe ich gar bessere Möglichkeiten als im Retail.

Das ist natürlich eine starke vertrauensbildende Maßnahme. Ich kann Fachverkäufer vor die Kamera stellen, die diese Produkte demonstrieren und damit natürlich Fachkompetenz vermitten und somit wie im Laden das Beratungsgespräch simulieren.

Wir hatten auch noch das Thema Second Life angesprochen. Wie sehen Sie das?

Für mich tot. Habe ich mich nie groß damit auseinander gesetzt, muss ich gestehen. Ich habe meinen Nutzen nie wirklich gesehen, weder als Anwender noch als Verkäufer. SL ist für mich zu abgekapselt, es ist zu geschlossen. Ich brauche spezielle Software. Das ist für mich eine zu große Hürde. Da sehe ich bei Facebook etc. viel mehr Potenzial.

Und meinen Sie, dass durch die Multimedialen Präsentationen der ganze E-Commerce noch mal gepusht wird oder einfach nur unterstütz wird?

Ich würde sagen gepusht. Weil ich gewisse Nachteile wettmache die ich bisher hatte im Online Shop, dass ich bestimmte Produkte bisher nicht richtig präsentiert bekommen habe, mir zu wenig ein Bild von dem Produkt bilden konnte. Das wird jetzt natürlich stark gepusht und unterstützt. Ich meine es gibt für mich immer weniger Gründe in einen Laden zu gehen.

Also meinen Sie perspektivisch, dass das Internet das reale Anprobieren von Kleidung  beispielsweise irgendwann auch komplett ersetzten kann?

Jein – Kleidung ist natürlich etwas Spezielles. Das können Sie nie ganz ersetzen. Also zumindest nur teilweise. Zurückhaltend wäre ich bei Schuhkäufen. Wenn die drücken, dann drücken die, da kommen Sie nicht drum herum reinzusteigen. Bei anderen Dingen wie Socken oder Unterwäsche usw., die relativ standardisiert sind, kann Online ein 100 prozentiger Ersatz sein.

Hätten Sie vielleicht noch zwei Beispiele, wo Sie sagen, das sind jetzt wirklich innovative Konzepte, die diesen Trend schon hinterher gehen.

Spannend und als Vertreter einer ganzen Generation finde ich nach wie vor Douglas TV, wo analog zu Tele Shopping Produkte präsentiert werden, nur sitze ich da am Regiepult. Gleichzeitig zur Produktpräsentation werden die Produkte aus dem Shop angezeigt die mit einem Klick im Warenkorb landen.

Das ist eine wunderbare Symbiose von einer multimedialen Anwendung und der normalen Shopfunktion die hier gegenseitig unterstützend wirken. Und zum anderen halt auch ganz einfache Sachen wie www.fahrrad.de, wo der einfache Mitarbeiter ein Fahrradschloss erklärt ohne großes Glamour und Schein sondern halt wirklich im Blaumann. Er erklärt ein Schloss mit einer ungeheueren Authentizität. Diesem Mann würde ich das einfach glauben. Da kriegen Sie natürlich die Kombination mit der Fachkompetenz.

Gehen wir doch zum nächsten Trend. Die Prozess Optimierungen. Sie selber hatten das ja selber in drei verschiedenen Unterteilt. Ich selber hatte ja die Suchoptimierungen in den Mittelpunkt gestellt, aber hier auch an Zahlungsverfahren gedacht. Wie ist ihr genereller Eindruck dort? Passiert das einiges momentan? Was passiert genau?

Diejenigen die schon länger am Markt sind, sind ständig am optimieren und experimentieren. Zahlungsverfahren sollen sicherer und einfacher werden, Zahlungsausfallrisiken eingeschränkt und Bonitätsprüfungen integriert werden. Hier denke ich, gibt es eine Welle wo viel Prozessoptimierung stattfinden wird.

Wie sehen Sie das mit der Suchprozessoptimierung? Prof. Kollmann spricht vom Paradigmenwechsel vom Angebotsorientierten weg zum Nachfrageorientierten hin.

Der Erfolg von Online Shops steht und fällt natürlich damit, also es ist natürlich ein wichiges Erfolgskriterium, ob ich im Shop vernünftig Suchen und dann vor allem auch Finden kann. Die erste große Hürde ist, finde ich überhaupt den Shop. Suchmaschenoptimierung für die weite Verbreitung.

Das zweite ist, wenn ich den Shop betreten habe; finde ich das Produkt, das mir entspricht, und da setzt dann genau das an, was Prof. Kollmann eigentlich erwähnt hat. Nehmen wir z.B. „Guided Navigation“, damit kann ich möglichst benutzernahe zum gewünschten Produkt, zum gewünschten Bedarf hin navigieren. Die adaptive Suche wird stark von der Shop-Software unterstützt oder gar von externen Tools und Algorithmen gesteuert.


Wie weit meinen Sie sind wir dort? Vielleicht können Sie da auch noch mal etwas Genaueres zu den Beispielen aus der Schweiz sagen.

Da sind wir ziemlich am Anfang. Ich denke da werden wir noch einiges sehen. Da existieren mittlerweile sehr viel versprechende Ansätze. Ich bin überzeugt, dass wir da immer noch relativ am Anfang sind. Diesbezüglich müssen wir noch viel lernen. Es gibt wenige Shops die eine wirklich gute Suche haben. Wichtig ist, dass es nicht einfach eine Suche wie bei Google oder eine Expertensuche ist, wo ich überschwemmt werde mit Optionen, sondern halt den User begleiten Schritt für Schritt und versuche, sein Verhalten zu registrieren und ihm immer seine nächste Suchmöglichkeit offerieren.

Schauen Sie sich mal www.vacando.ch an. Das ist eine Buchungsengine für Ferienwohnungen und Appartements. Im Unterhaltungselektronikbereich haben wir www.digitec.ch, die zumindest in der Schweiz eine  führende Filter- und Benutzerführung anbieten.

Teil 3 folgt



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Geschäftsführer und Inhaber der Carpathia AG, der unabhängigen und neutralen Unternehmensberatung für Digital-Business und E-Commerce. Autor von zahlreichen Fachartikeln und -studien, Dozent für Online-Vertriebsmodelle an verschiedenen Hochschulen sowie gefragter Referent an intl. Konferenzen zum Thema E-Commerce und Digitale Transformation im Handel.

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