Schweiz und Marktplätze – irgendwie eine mutlose Affäre

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Während international die Marktplatz-und Plattform-Modelle ihren Siegeszug feiern und mit geradezu exponentiellen Wachstumsraten aufwarten können, tut man sich gerade in der Schweiz schwer mit diesem Modell.

Was sind die Gründe dafür? Ist das Land zu klein, noch nicht bereit oder fehlt die erfolgsversprechende Strategie?

Anfangs 2017 hat Tamedia dem Marktplatz Ricardoshops den Stecker gezogen. Schon einige Jahre früher musste der eigentlich erste Marktplatz der Schweiz, der Schweizer Ableger von Neckermann, liquidiert werden als Folge der Probleme des ganzen Konzerns.

Bei Siroop die Reissleine gezogen…

Nun letzte Woche die Meldung, dass Siroop den Betrieb reduziere nachdem eine Woche davor Coop alle Anteile des Marktplatzes übernommen hat und ankündigte, die Marken Siroop und Microspot zusammenzulegen.

Laut Recherchen des Tages-Anzeigers sollen die vereinbarten Ziele bei Siroop nicht erreicht worden sein, das als Schweizer Marktplatz-Alternative zu Amazon und Alibaba angetreten ist.

Denn laut Recherchen dieser Zeitung hat Siroop die vereinbarten Zwischenziele respektive Meilensteine nicht erreicht.

Der Hintergrund: Swisscom führte den Online-Händler intern als Firma in der Gründungsphase. Als solche musste Siroop in seiner Entwicklung klar definierte Meilensteine erreichen. Als das nicht klappte, zog Swisscom die Reissleine.

Dies deckt sich weitestgehend mit Aussage und Informationen, die uns in den letzten 2-3 Tagen von Händlern, Dienstleistern wie auch Technologiepartnern von Siroop zugekommen sind, dass bei Siroop seit einigen Tagen oder gar Wochen die Luft draussen sei.

Doch welche Ziele wurden nicht erreicht und wer hat diese definiert? Nach welchen Massstäben wurde gemessen und können Old-Economy Firmen überhaupt New-Economy Ziele und Modelle definieren?

Weiter heisst es beim Tages-Anzeiger, dass der staatsnahe Betrieb den Ausstieg als Investor mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen begründe.

Diese Begründung erachte ich besonders interessant. Möglicherweise ist es für einen staatsnahen Betrieb wie die Swisscom schwieriger, hohe Wetten einzugehen und sich auf das Sichern von Marktanteilen zu konzentrieren und dabei notabene temporär Geld zu verbrennen? Amazon und Zalando lassen grüssen, beide mittlerweile profitable und unbestrittene Marktführer in ihren Märkten.

Doch ist es nicht genau derselbe staatsnahe Betrieb, der im Silicon Valley seinen Outpost betreibt und aktiv als Venture-Capitalgeber auftritt? Oder gelten da andere Gesetze, als wenn es vor den Türen der eigenen Kunden, Aktionäre und Wähler passiert?

…währenddessen Amazon seinen Marktplatz von der Leine lässt

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass fast gleichzeitig mit der Ankündigung des reduzierten Betriebes bei Siroops Marktplatz, Amazon mit demselben Modell Schlagzeile macht mit der Mitteilung, dass erstmals die Umsätze der Marktplatzteilnehmer die eigenen Handelsumsätze überstiegen haben.

Amazon Chef Bezos schreibt in seinem viel beachteten jährlichen Brief an die Aktionäre (PDF Download hier möglich):

In 2017, for the first time in our history, more than half of the units sold on Amazon worldwide were from our third-party sellers, including small and medium-sized businesses.

So titelte am Freitag t3n „Jeff Bezos lässt den Amazon-Marktplatz jetzt von der Leine“ und sieht darin den Beginn einer neuen Wachstumsphase:

Das ist bemerkenswert, denn bisher gehen viele Insider davon aus, dass Amazon den Händleranteil gezielt unter der magischen Grenze von 50 Prozent hält. Vieles spricht dafür, dass es sich nicht um einen Zufall handelt – sondern um Strategie.

Gerade das Marktplatzgeschäft wird bei Amazon als potentieller strategischer Wachstumstreiber gefördert und soll nach t3n-Hochrechnungen grössere Wachstumsanteile vorweisen, als das ebenfalls strategisch wichtige Service-Geschäft rund um die Cloud-Dienste.

Nur ist es relativ schwierig, die Umsätze aus dem Marktplatzgeschäft zu beziffern, da von diesem in den offiziellen Unterlagen nur die Provisionsansteile von Amazon erscheinen. Auch wir haben vor gut 2 Jahren einmal einen Versuch gewag (Hat Amazon 2015 die Hälfte des deutschen E-Commerce abgewickelt?).

Wie viel dürfen Marktanteile kosten?

Wie kann es nun kommen, dass zwei der grössten Konzerne der Schweiz die zusammen mit Siroop einen Schweizer Marktplatz lanciert haben, nun nicht mehr an das Marktplatz-Modell glauben währenddessen dieses international Erfolge feiert?

Einziger Lichtblick in der Schweiz bezüglich dem Marktplatz-Modell bleibt Galaxus, an dessen Muttergesellschaft Digitec-Galaxus die Migros die Mehrheit hält. Galaxus hat sich in den vergangen Monaten immer mehr als Marktplatz geöffnet und gar die Expansion nach Deutschland angekündigt.

Als lokaler Marktplatz versucht sich weiter Kaloka von der Post als Online-Enabler von stationären Geschäften zu etablieren neben weiteren regionalen Initiativen.

Fehlt der Mut? Ist die Schweiz einfach zu klein für einen eigenen Marktplatz? Muss man notgedrungen den internationalen Playern den Markt kampflos überlassen?

Die Frage ist, was nun Coop mit Siroop macht, nachdem Swisscom ausgestiegen ist. Aktuell wird für mein Empfinden gerade sehr viel Geschirr zerschlagen und Investitionen in mutmasslicher Millionenhöhe in eine Marke und ein Geschäftsmodell vernichtet. Da fehlt mir als Aussenstehender gerade etwas das Verständnis dafür.

Denn ich wiederhole gerne meine Aussage vom vergangenen Juli 2017: Siroop ist für mich eines der mutigsten Projekte, das die Schweiz je gesehen hat und ich erhoffte mir, etwas mehr „Schnauf“ um sich diese wichtigen Marktanteile zu sichern.

Es bleibt die Hoffnung, dass Coop mit Siroop nun eine (möglichst kurze) Standortbestimmung macht und dann zusammen mit Microspot Anlauf holt, sich die Marktplatzanteile im Schweizer Markt zu sichern, wie auch die Handelszeitung kürzlich fragte:

Wird Siroop nun doch zurückgezogen oder holt Coop Anlauf, um noch einmal richtig anzugreifen?

Denn spätestens wenn Amazon und Alibaba das Schweizer Marktplatz-Geschäft in fester Hand haben und signifikant weitere Umsätze von Stationär nach Online umgeschichtet werden wird wirklich bezifferbar, welchen Wert diese Marktanteile effektiv haben oder gehabt hätten.

Und ich erachte es als wahrscheinlich, dass diese getätigten Millionen-Investitionen in Siroop – auch wenn sie mit Sicherheit im dreistelligen Bereich lagen – in wenigen Jahren als Schnäppchen angesehen werden, wenn die internationalen Player Umsätze in Milliardenhöhe aus dem Schweizer Markt ziehen.

Denn so viel Mut muss sein – denn die Marktanteile werden es wert sein. Und wer von den Schweizern soll es denn schaffen, wenn nicht die zwei grossen Konzerne Coop und Swisscom gemeinsam?



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9 KOMMENTARE

  1. Marktplätze zu entwickeln ist keine Sprint- sondern eine Marathonveranstaltung. Auch Amazon und Scout24 sind nicht von heute auf morgen zu den hochprofitablen Units geworden, die sie heute sind. Der Unterschied liegt im Schnauf, den angestellte Manager kaum mitbringen.
    Und: auch in der Schweiz gibt es erfolgreiche Marktplätze zumindest in Nischen, wie z.B. conertopro.ch für den Schweizer ICT-Gross- und Fachhandel. Für über 1 Mrd.CHF werden dort Waren und Kaufentscheidungen abgebildet. Aber auch dieser Marktplatz ist wie Amazon und die anderen Leuchttürme kein Produkt von Old-Economy-Grosskonzern-Business-Developpern, sondern eben auch unternehmerisch mit Schnauf privat entstanden.

  2. Zu deiner Frage hast du die Antwort schon früher mal gegeben: in der Schweiz hat es Platz für zwei Marktplätze – mit Galaxus und Amazon sind diese vergeben. Da wirds für weitere schwierig trotz viel Geld und cleveren Strategien.

      • Und der 3te ist ricardo.ch! Was Ihnen scheinbar entgangen ist Herr Lang, ricardoshops.ch wurde nicht geschlossen weil es nicht funktionierte sondern weil die WECO die Finger im Spiel hatte. So wurden viele Händler bei ricardo.ch integriert. Haben Sie schon einmal reingeschaut wie viele Händler bei ricardo.ch erfolgreich verkaufen?

        • Mir ist Ricardo rsp Ricardoshops sehr wohl bewusst. Trotzdem würde ich die zwei nicht vergleichen; Ricardoshops war als echter Marktplatz konzipiert inkl. aller Prozesse bis hin zu Fulfillment oder auch Onboarding ausl. Player. Ricardo hat sehr viele Händler online und mir sind auch deren Umsatzanteile bekannt. Dennoch hat Ricardo mE ein Imageproblem weil in der Zielgruppe nicht als Marktplatz erkannt oder akzeptiert.

          • Antikes, neues, gebrauchtes … Private und Händler verkaufen erfolgreich auf Ricardo, für mich sieht das nach einem bunt gemischten Marktplatz aus. Jeder kennt die Probleme von Ricardo mit der Zahlungsabwicklung (PainPoint), aber dies wird Ricardo sicher in naher Zukunft lösen und hoffentlich auch zeitnah den Warenkorb hinzufügen. Und mit einem Sichtbarkeitsindex von 233 ist Ricardo jetzt schon der Platzhirsch da kommen Siroop (17), Galaxus (127), microspot (8.5) und brack (45) zusammen nicht dagegen an.

  3. Über die Jahre habe ich mich intensiv mit Marktplätzen auseinandergesetzt und war bei Aufbau von ricardoshops.ch beteiligt und möchte zwei zentrale Erkenntnisse hier anbringen.

    1) Horizontale Marktplätze (ohne Kategoriefokus) leiden meines Erachtens an einem Fokussierungsproblem und Erlangen keine Sortimentsrelevanz. Sie sind in allen Kategorien unterwegs, sind dadurch aber in keinem Sortiment wirklich stark. Betrachtet man die erfolgreichen Marktplätze, so sind die aus einem Sortiment heraus gewachsen und haben dann über die Jahre sukzessive neue Kategorien aufgebaut. Ricardoshops.ch und Siroop.ch, beide hatten zwar ein Sortiment von mehreren Millionen, aber standen nicht für eine Produktkategorie. Als Benutzer ist man entsprechen nur „zufällig“ plötzlich bei diesen Marktplätzen gelandet.

    2) Grossfirmen sind ungeeignet um neue Business-Modelle zu skalieren. Sie können zwar gut Inkubatoren betreiben und da die Anfangsphasen eines Startups finanzieren, wo noch alle Finanzierungsrunden max. 6-stellig sind, aber nicht die späteren Finanzierungsrunden, die mehrere Millionen benötigen. Als VC braucht man einen langen Atem und muss seine Investitionen über Zeithorizonte von mehreren Jahren ansehen. Bei börsenkotierten Grossfirmen ist das mit ihren schnellen wechselnden Strategien und jährigen Reportingzyklen leider nicht möglich.

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