Amazon Schweiz: «So schlimm wird es wohl doch nicht»

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An der ausverkauften Connect – Digital Commerce Conference von vergangener Woche mit insgesamt über 700 Teilnehmern hat meinEinkauf.ch CEO Jan Bomholt exklusives Zahlenmaterial präsentiert (Was kaufen die Schweizer eigentlich bei Amazon ein?).

Dr. Jan Bomholt, CEO meinEinkauf.ch - an der Connect - Digital Commerce Conference 23. Mai 2018 in Zürich
Dr. Jan Bomholt, CEO meinEinkauf.ch – an der Connect – Digital Commerce Conference 23. Mai 2018 in Zürich

Jan legte offen, was Amazon bislang in die Schweiz lieferte und hat gleichzeitig eine Prognose abgegeben, was die Schweizer wohl erwarten dürfen, wenn der angekündigte Schweiz Start dann mal erfolgt ist. Das Fazit vorweg:

So schlimm wird es wohl doch nicht. Schweizer Händler können aufatmen.

Ganz so schnell wird der Markteintritt von Amazon mit seinem vollen Sortiment von über 300 Millionen Artikeln dann doch nicht umsetzbar sein.

Jan Bomholt stützt seine Aussagen auf Zehntausende von Paketen, die in den vergangenen Jahren durch sein Unternehmen importiert und den Endkunden zugestellt wurden.

Er hat diese Sendungen allesamt ausgewertet und war damit in der Lage, bislang einzigartiges Zahlenmaterial aufbereiten können. Nachfolgend das von Jan Bomholt präsentierte Slide-Deck.

Es muss unterschieden werden zwischen

  • Amazon eigenem Sortiment
  • Sortiment von Marktplatz-Teilnehmern bei Amazon (Dritthändler) deren
    • Logistik durch Amazon abgewickelt wird (Fulfillment by Amazon / FBA)
    • und Dritthändlern, die autonom an die Endkunden versenden, teilweise aus Drittstaaten.

Der Vertag mit der Post und deren digitaler Verzollung ( «Grüezi Amazon» Start in der Schweiz bis Mitte 2018) betreffe nur die Sortimente, welche von Amazon selbst verkauft werden und welche bereits heute grösstenteils in die Schweiz lieferbar seien.

Vollkommen ungeklärt hingegen sei die Verzollung des Angebots von Drittanbietern auf Amazon. So verkaufen aktuell über 100‘000 verschiedene Händler auf Amazon.de. Diese verpacken und versenden ihre Artikel entweder selbst oder über die Fulfillment-Zentren von Amazon (FBA). Viele dieser Händler kommen auch aus anderen Ländern als Deutschland und versenden auch direkt von dort.

Aus zollrechtlichen Gründen müsse jeder einzelne dieser Händler eine eigene Zoll-Lösung implementieren – und zwar sowohl in der EU als auch in der Schweiz. Und, so Jan Bomholt weiter:

Eine EU-Ausfuhr ist in vielen Fällen komplizierter als eine CH-Einfuhr.

Darüber hinaus gilt ab 1.1.2019 die Pflicht, in der Schweiz die Mehrwertsteuer abzuführen, wenn ein Händler weltweit mehr als CHF 100‘000 Umsatz erzielt.

Dies wird viele Händler auch künftig davon abhalten, überhaupt in die Schweiz zu liefern, da sich der administrative Aufwand für ein paar Pakete mehr nicht lohnen wird.

Amazon Schweiz in a Nutshell

Nachfolgend die wichtigsten Erkenntnisse aus den Zahlen von meinEinkauf zusammengefasst:

  1. Warenkörbe von Amazon Bestellungen via MeinEinkauf.ch sind von EUR 100 im Jahr 2012 auf inzwischen nur noch EUR 60 So versendet Amazon in Deutschland sogar Artikel im Warenwert von unter EUR 10 versandkostenfrei. Es ist unwahrscheinlich, dass solche Sendungen in der Schweiz (aufgrund Aufwand am Zoll und höheren Transportkosten) wirtschaftlich abzuwickeln sind.
  1. Über 80% des via MeinEinkauf.ch versendeten Sortiments, welches auf Amazon.de bestellt wurde, kommt von Dritthändlern. Man kann deshalb davon ausgehen, dass Amazon.de trotz des neuen Vertrages mit der Schweizerischen Post auch weiterhin nur 20% seiner möglichen Reichweite entfalten wird.
  1. Die von MeinEinkauf.ch im Jahr 2017 verkauften Artikel, welche via Amazon.de bestellt wurden, stammen von über 13‘000 verschiedenen Händlern. Alle diese Händler fallen nicht unter den Vertrag mit der Schweizerischen Post. Insofern ist davon auszugehen, dass deren Sortiment weiterhin nicht in die Schweiz lieferbar ist.
  1. Fast die Hälfte (48%) aller an MeinEinkauf.ch gelieferten Sendungen von Drittanbietern wurde im Jahr 2018 bis dato durch Amazon verpackt und versendet (FBA Artikel). Das Eigentum dieser Waren liegt aber vor Versand weiter bei diesen Drittanbietern, auch wenn die Artikel teilweise monatelang bei Amazon eingelagert sind.Für die Erstellung von Export-Papieren aus der EU ist dies hinderlich, da Sitz des Eigentümers und Ort der Verzollung auseinanderfallen. Darüber hinaus verpflichtet Amazon seine Händler bisher nicht, das Sortiment mit den korrekten Zolltarifnummern zu tarifieren, so dass dieses weiterhin nicht „Schweiz-fähig“ sein wird.Aufwand und Ertrag einer EU-Export-Verzollung könnten daher allenfalls für die Top 1% der Dritthändler rentabel sein. Aus diesem Grund ist davon auszugehen, dass das FBA-Sortiment auch weiter nicht in die Schweiz lieferbar sein wird.
  1. Über 20% aller Dritthändler-Bestellungen kamen bereits 2017 aus China – Tendenz steigend. China-Pakete machen bei Amazon.de inzwischen einen sehr wichtigen Anteil aus. Dabei wird teilweise direkt aus China versandt und teilweise via FBA durch Amazon. Da sowohl aus Mehrwertsteuer-Sicht als auch zollrechtlicher Sicht viele Fragen ungeklärt sind, wird auch dieses Sortiment weiterhin nicht in der Schweiz verfügbar sein.

Abschliessend meinte Jan Bomholt, dass durch den Marketintritt von Amazon in die Schweiz meinEinkauf wohl zu den gefährdetsten Dienstleistern gehört. Doch er schlafe weiterhin ruhig und gut.

Potentiale für Schweizer Hersteller und Marken

Hersteller Optionen via Amazon inkl. "EU-Roundtrip" - Quelle: carpathia.ch/amazon
Hersteller Optionen via Amazon inkl. „EU-Roundtrip“ – Quelle: carpathia.ch/amazon

Ganz anders die Potentiale für Schweizer Hersteller und Marken, die mit Amazon einen potentiellen und überaus interessanten Vertriebskanal bekommen, einerseits international zu expandieren und anderseits, via das EU-Ausland retour in die Schweiz mit der weiter erstarkenden Marktpräsenz von Amazon zu profitieren.

Hierzu haben wir für Schweizer Marken und Hersteller mit dem Amazon Competence Hub Schweiz zusammen mit Europas führender Amazon-Agentur ein interessants Produkt kreiert.


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