Was ist aus dem Supermarkt von morgen geworden?

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Vor über 6 Jahren haben wir die Vision Supermarkt 2020 entwickelt und vorgestellt, weil wir nicht daran glauben, dass Lebenmittelläden in Zukunft noch so funktionieren, wie sie heute funktionieren. Das war im September 2014.

Zwischenzeitlich ist viel passiert; Amazon Go ging 2016 an den Start, Valora und Migrolino experimentieren in der Schweiz mit unbemannten Convenience-Kleinformaten, Food-Delivery Dienste legen ein selten gesehenes Wachstum hin, die Migros wettet auf verschiedene Konzepte mit überschaubarem Einsatz und Online-Supermärkte erleben ihren zweiten Frühling was Wachstum, Kapazitäten und Integration in die Mutterformate betrifft mit einer neuen Ernsthaftigkeit im E-Food.

2020 – der stationäre Supermarkt – was nun?

Nun 6 Jahre (!) später ist bei den stationären Lebensmittelformaten wenig bis nichts passiert. Obwohl man weiss, dass es hier eine (R)Evolution geben wird. Abgesehen von Layout-Schönheitsoperationen keine fundamentalen Veränderungen.

Omni-Channel, PUDO-Locations, Store-Picking, Dark-Stores und -Kitchen, Last-Mile-Logistic-Hubs, Social-Shopping, Crowd-Delivery und vieles mehr sind spannende Ideen und Ansätze denen ich immer wieder begegnete in den vielen Gesprächen der letzten Wochen und Monate rund um den stationären Lebensmittelhandel.

Doch wo bleibt der grosse Wurf? Wie lange müssen wir noch warten, bis ein etablierter oder neuer Player hier mutig den ersten Schritt macht?

Das Prinzip für die Fläche der Supermarkt-Vision ist unverändert seit 2014:

Alles was emotional ist und wozu Haptik nötig ist, bekommt Platz und genügend Fläche.

Alles was Masse, Ballast etc. ist, kommt weg und wird automatisiert. Das wird von besser skalierbarer Technik oder Robotik übernommen.

Und immer wieder kommt das zu oft bemühte Argument, man müsse doch die Dinge vorab ansehen und anfassen, bevor man es kauft. Bitte! Das ist nun wirklich so etwas 2014. Denn was genau will man sehen, anfassen und riechen, was man täglich in den Einkaufswagen im stationären Supermarkt legt?

Menschen mögen maximal den physischen Kontakt zu Gemüse, Obst, Brot, Fleisch, Fisch und ggf. noch Käse und andere Spezialitäten bevorzugen. Doch niemand benötigt die Haptik einer Packung Reis, einer Flasche Milch, einer Dose Hundefutter, 20 Rollen WC-Papier, einem Deo-Stick, einer Bratpfanne, einer Tüte tiefgefrorener Pommes. Also weg damit von der Fläche, maximal ein Display-Objekt pro Artikel reicht – wie und warum ist hier nachzulesen.

Und wie kommt der Konsument dann schnell zu den Artikeln?

Vom Ballast befreite Formate werden kleiner und übersichtlicher für die Kunden, gleichzeitig werden die effizient bewirtschafteten Logistikflächen grösser. Die Folge, eine bessere Flächenproduktivität und ein grösseres Sortiment vor Ort. Warum, ist hier nachzulesen.

Der Kunde hat nur die Frischprodukte im Einkaufswagen, die er auf den inszenierten Flächen ausgewählt hat. Alles was im Wagen liegt, ist bereits automatisch seinem virtuellen Warenkorb hinzugefügt.

Den “Ballast” (Konserven & Co) hat er währenddessen bequem über ein mobile Device demselben Warenkorb hinzugefügt – je nach Ausprägung durch Scanning der Display-Artikel oder komplett digital unterstützt durch Empfehlungsalgorithmen.

Den Wagen schiebt er kontaktlos durch die Kassenzone – vorbei die Zeiten, wo er alles nochmals aus dem Wagen nehmen muss für (Self)Scanning. Checkout und Bezahlung erfolgen nach belieben manuell mit einem Schwatz mit dem Personal oder automatisch durch Device-Erkennung.

Nimmt der Kunde seinen gesamten Einkauf gleich mit nach Hause, dann bringt er seine Frischprodukte zu seinem Fahrzeug, wo gleichzeitig die “Ballast-Produkte” auf ihn warten, die effizient aus der Logistik-Zone gepickt wurden.

Ist der Kunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, entscheidet er sich für die bequeme Heimlieferung. Die von ihm persönlich ausgewählten Frischeprodukte werden über geeignete Gebinde und Wege mit den automatisch gepickten Artikeln zusammen geführt und noch am gleichen Tag geliefert.

Selbstverständlich sollen auch spätere Lieferungen oder ein Zusammenführen mit einem Einkauf eines anderen Familienmitglieds in einer nahen Filiale möglich sein.

Flächen werden zu Logistic-Hubs

Dass so neu genutzte Flächenformate automatisch auch für Onlineinkäufe genutzt werden können, liegt auf der Hand. Logistik ist integriert und ein Store-Picking der Frische-Produkte ergänzt das Ganze.

Somit können die effizienten Logistik-Komponenten in der Fläche sowohl für das neue stationäre Supermarkt-Format wie auch als Ergänzung der Onlinehandel-Logistik genutzt werden. Und mit den dezentralen Hubs ist man näher am Kunden. Und Nähe heisst schneller beim Kunden.

Bereits 2014 folgte die Supermarkt-Vision dem Grundsatz, dass die Fläche wieder genutzt wird für die Inszenierung von Produkten und befreit wird von Ballast wie Stapeln von Grössenvarianten der selben Hose, Türme von Schuhschachteln des selben Modells, endlose Reihen von Verpackungen verschiedener Varianten etc.

Und folgt weiter dem Grundsatz, dass Algorithmen und Automatisierungen den Long-Tail an den POS bringen und das online gewonnene Know-How das stationäre Einkaufsverhalten bestimmt.

Neu hinzu kommt, dass mittels ausgereifter Kamera-Technologie die vom Konsumenten in den Wagen gelegten Artikel autom. erkannt werden. Ein manuelles Scanning entfällt wie auch das heute noch übliche Umladen des Wagens an der Kasse – entweder auf das Rollband oder an den Scanning-Stationen. Nüchtern betrachtet ohnehin ein blanker Irrsinn in der heutigen Zeit.

Das Konzept der automatischen Erkennung der gewählten Artikel hat Amazon erfolgreich in den kleinen Go-Formaten etabliert und testet es nun auch in den neuen eigenen Fresh-Supermarkt-Formaten (Amazon Dash Cart – die Revolution des Einkaufwagens).

Den Mutigen gehört die Welt!

Doch in der Supermarkt-Landschaft der Schweiz wie auch allgemein in unseren Breitengraden fehlen nach wie vor mutige Initiativen und Formate.

Will man nun das Feld auch stationär den globalen Playern überlassen, zumindest was die Layout-Konzepte und -Technologien betrifft? Das kanns doch nicht sein. Die Zeit läuft – es sind nun mehr als sechs Jahre vergangen und wenig ist passiert. Wieviel Zeit man wohl noch braucht?

Die Supermarkt Vision 2020 wurde im September 2014 in folgenden beiden Teilen publiziert.

Der Tages-Anzeiger hat damals die Ideen aufgegriffen und eine schöne(re) Grafik spendiert:

Supermarkt Vision 2020 - Wie ein Laden künftig aussehen könnte / Vision: Carpathia - Grafik: Tages-Anzeiger
Supermarkt Vision 2020 – Wie ein Laden künftig aussehen könnte / Vision: Carpathia – Grafik: Tages-Anzeiger


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Thomas Lang, Betriebsökonom und Wirtschaftsinformatiker, unterstützt Unternehmen bei der Strategieentwicklung von digitalen Vertriebsmodellen, beim Aufbau von digitalen Geschäftsmodellen, bei Expertisen rund um Onlinehandel und der operativen Umsetzung im Bereich Organisation, Prozesse, Innovation, Change-Management und Unternehmenskultur. Er ist Gründer der Carpathia AG, der unabhängigen und neutralen Unternehmensberatung für Digital-Business, E-Commerce und Digitale Transformation im Handel. Zudem ist er Autor von zahlreichen Fachartikeln und -studien, Dozent für Online-Vertriebsmodelle an verschiedenen Hochschulen sowie gefragter Keynote-Speaker zu E-Commerce und Digital Transformation im Handel. Er ist Initiator und Organisator der Connect - Digital Commerce Conference sowie des Digital Commerce Awards. Der von ihm gegründete Carpathia Digital-Business-Blog (https://blog.carpathia.ch) zählt im deutsch-sprachigen Raum zu den wichtigsten unabhängigen Publikationen im Digitalen Handel. Medien bezeichnen ihn als digitalen Vordenker, zitieren und interviewen ihn regelmässig .

1 KOMMENTAR

  1. Ich denke das Problem sind die anhaltend super-knappen Margen. Da bleibt aktuell kaum Spielraum für Experimente, zumal die großen etablierten Player der Lebensmittelbranche nur in Skaleneffekten denken (können)- und die sind bei Experimenten halt nicht unbedingt sofort erkennbar. Schauen wir mal, ob da das auch 2021 anhaltende Corona für Veränderungsdruck sorgt…

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