Vögele Shoes wird weitergereicht und steht vor einem digitalen Scherbenhaufen

0
1470

Vor drei Jahren wurde Vögele Shoes an die polnische CCC Gruppe verkauft und hat nun seit wenigen Tagen neue Eigentümer aus Deutschland. Dass das polnische Konzept in der Schweiz nicht funktionieren würde war von Beginn weg so klar, wie dass das italienische Konzept nicht funktionierte beim “Bruderunternehmen” Charles Vögele.

Letzteres ist mittlerweile Schweizer Retail-Geschichte, bei Vögele Shoes folgte nun diese Woche der erwartete Kahlschlag in der Schweiz, wie CEO Max Bertschinger in der Aargauer Zeitung zitiert wird:

Das Sortiment sei unter den bisherigen Eignern zu wenig auf die Schweizer Kundschaft ausgerichtete gewesen, und dies werde nun korrigiert.

Umsatzeinbrüche um rund 30% und ein Verlust von CHF 37 Mio. bei 112 Mio. Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr laut NZZ werden als Grund angeführt, dass knapp jede dritte Filiale geschlossen wird. Von den 116 blieben 80 erhalten.

[…] verkaufte die Läden an ein deutsches Ehepaar. Und dieses treibt die Restrukturierung im Expresstempo voran. Im Rahmen der Unternehmensverkaufs kommt es auch zu einem Totalausverkauf der Lagerbestände.

[…] Gleichzeitig werden überraschend weitere 36 Filialen geschlossen, so dass Vögele Shoes künftig nur noch 80 Läden haben wird.

Und der Schuhandel sei unter Druck aus dem Internet – dabei wurde gerade der polnischen CCC Gruppe eine hohe Online-Kompetenz nachgesagt – genützt hat es wohl kaum etwas.

Startseite Vögele Shoes vom 8. Juni 2021 21h50
Startseite Vögele Shoes vom 8. Juni 2021 21h50

Und das ist wohl auch des Pudels Kern; mit den neuen Eigentümern hat Vögele Shoes im September 2019 seinen eigenen Onlineshop eingestellt und nutzte fortan die Plattform eschuhe.ch (was für ein Name…).

Und nun sind die Polen weg, der Einfluss auf die Plattform eschuhe.ch auch und der eigene Onlineshop ist seit 2019 offline. Ein veritabler digitaler Scherbenhaufen!

Zwar bestätigt Vögele Shoes auf Nachfrage, dass man weiterhin mit eschuhe.ch zusammenarbeiten will. Doch damit wird man höchstens den ehemaligen polnischen Eigentümern Umsatz und Kundendaten zuschanzen, das eigene Sortiment und die verbliebenen Filialen kaum digital bespielen und an den eigenen Brand an den online Touchpoints wage ich gar nicht erst zu denken.

Laut Vögele Shoes CEO Bertschinger ist der Onlineanteil auf 15% angewachsen, neues Ziel sind 30%. Dazu sollen verschiedene Online-Vertriebskanäle genutzt werden. Ich frage mich, nur welche? Eigene auf jeden Fall gibt es derzeit keine mehr. Selbstverständlich schöpfen Plattformen oder sicher auch das vergangene Woche in der Schweiz lancierte Connected Retail Programm von Zalando den Umsatz weiter ab.

Apropos Zalando, bei der Übernahme von Vögele Shoes durch die Polen 2018 erzielte Zalando im Vorjahr bereits geschätzte CHF 685 Mio. Umsatz in der Schweiz und war gerade zum grössten Schweizer Mode-Detailhändler noch vor H&M avanciert. Nun bei der Übernahme durch die deutschen Eigentümer machte Zalando im Vorjahr bereits geschätzte CHF 1’044 Mio. Umsatz.

Während Vögele Shoes also quasi offenbar im Tiefschlaf von der polnischen Digital-Kompetenz geträumt hat, haben die Berliner weitere knapp CHF 340 Mio. an Mehrumsatz aus der Schweiz abgezügelt, pro Jahr notabene. Der Markt gab und gibt es her.

Einfach unfassbar, wie man sich in der heutigen Zeit digital so entwaffnen lassen kann und nun dasteht, wie man mit einem Taschenmesser zu einem Revolver-Duell antreten würde.



Nichts mehr verpassen! Dann machen Sie es wie bereits aktuell 4.615 andere Leser. Verpassen Sie keinen Beitrag mehr und erhalten Sie jeden Sonntag ab 16 Uhr alle Artikel der aktuellen Woche per E-Mail bequem in Ihre Inbox geliefert.

E-Mail Adresse erfassen genügt.


letzter ArtikelCompetec-Gruppe startet Inbetriebnahme des Logistik-Erweiterungsbaus
nächster ArtikelStartschuss für den Shop Usability Award 2021
Thomas Lang, Betriebsökonom und Wirtschaftsinformatiker, unterstützt Unternehmen bei der Strategieentwicklung von digitalen Vertriebsmodellen, beim Aufbau von digitalen Geschäftsmodellen, bei Expertisen rund um Onlinehandel und der operativen Umsetzung im Bereich Organisation, Prozesse, Innovation, Change-Management und Unternehmenskultur. Er ist Gründer der Carpathia AG, der unabhängigen und neutralen Unternehmensberatung für Digital-Business, E-Commerce und Digitale Transformation im Handel. Zudem ist er Autor von zahlreichen Fachartikeln und -studien, Dozent für Online-Vertriebsmodelle an verschiedenen Hochschulen sowie gefragter Keynote-Speaker zu E-Commerce und Digital Transformation im Handel. Er ist Initiator und Organisator der Connect - Digital Commerce Conference sowie des Digital Commerce Awards. Der von ihm gegründete Carpathia Digital-Business-Blog (https://blog.carpathia.ch) zählt im deutsch-sprachigen Raum zu den wichtigsten unabhängigen Publikationen im Digitalen Handel. Medien bezeichnen ihn als digitalen Vordenker, zitieren und interviewen ihn regelmässig .

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Bitte fügen Sie ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie ihren Namen hier ein