Kontaktloser Einkauf: Wie sich der Handel in die Zukunft entwickelt

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Andy Baldauf – Retail und E-Commerce-Experte

Unser Gastautor Andy Baldauf ist seit rund 20 Jahren für namenhafte nationale Grosskonzerne und internationale KMU in der Handelswelt in verschiedenen Positionen tätig. Er hat Marketing und Digital Business studiert und gilt als Experte des stationären und digitalen Handels. Nebenbei ist er als Speaker und Dozent tätig.

Der Originalartikel wurde auf LinkedIn publiziert.

 

 

 


Seattle – Als im Dezember 2016 erstmalig publik wurde, dass Amazon an einem Supermarkt arbeitet, war wohl den wenigsten Händlern bewusst, was dieses Format für Innovationen mit sich bringt. Die Just Walk out Philosophie ist wohl eines der angenehmsten Kundenerlebnisse überhaupt, Check-in, Ware nehmen und rauslaufen, bezahlt. 

Seitdem hat sich viel in diesem Bereich getan. Nicht nur technologisch setzen diese Formate neue Standards, sondern auch im Bereich Customer Experience, Convenience und Geschwindigkeit. Amazon hat heute ungefähr 25 der AmazonGo Stores und Asien weit mehr als 200. Auch in Europa kommen immer mehr von diesen Läden zum Einsatz. In der Schweiz war Valora mit ihren AvecX (wurde eingestellt) und AvecBox, der erste Anbieter dieser 7×24 Formate.

Corona innoviert den Handel

Die kanadische Satire-Seite MBA-ish hat mit ihrem digital Transformation Post den Nerv der Zeit getroffen. Unbestritten hat Covid-19 einen enormen Schub in die Digitalisierung und Innovation gebracht. Aber wenn man betrachtet, wie viel später sie gegenüber den ersten Filialeröffnungen von AmazonGo oder bingoBox in Europa durchgesetzt haben, sind wir doch spät dran.

Mit den neuen Formaten kommen die Händler näher zu ihren Kunden und vor allem können sie 7×24 geöffnet bleiben. Somit muss auch kein Mitarbeiter mehr zu später Stunde sich die Füsse platt stehen (wie aus anderen Ländern bekannt), sondern kann als Ergänzung zu den klassischen Supermärkten (wo Erlebnis im Fokus steht) betrieben werden.

VOI Cube – Der begehbare Supermarkt

Die Genossenschaft Migros Aare ist mit ihrem VOI Cube (Warenautomat) in Grenchen und Bern Bahnhof im Pilotbetrieb. Dabei finden Kunden auf 18qm die beliebtesten VOI Produkte. Der Check-In wird über eine App ermöglicht, wobei der Einkauf über eine Self-Checkout-Kasse abgewickelt wird.

Wie Hofläden von den neuen Einkaufsgewohnheiten profitieren

Neben den klassischen Hofläden wie wir sie kennen, verbreiten sich immer mehr Boxenformate zum Kunden hin. Da Bauern immer mehr Möglichkeiten neben E-Commerce zur Differenzierung nutzen möchten, setzen sie auch auf Holzcontainer. Dabei ist Rüedu nur ein Beispiel, wie man die gesamte Wertschöpfungskette von Produktion bis Vertrieb selbstständig übernehmen kann.

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Quelle: deutschebahn.com

Auch in Deutschland entstehen immer mehr neue Einkaufsformate, welche durch digitale Services die Customer Experience steigern. Dazu zählen die unabhängigen Öffnungszeiten, Technologieeinsatz und gut frequentierte Standorte für die Pilotierung. Die Deutsche Bahn eröffnet an einem der 16 Zukunftsbahnhöfen zusammen mit EDEKA Südwest ein Boxformat zum 7×24 Einkauf via App oder Self-Service Stationen. Die Warenausgabe erfolgt über ein im Hintergrund agierendes Roboter-System.

tegut….teo: digitaler Selbstbedienungsladen

Neben den Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs bietet teo noch eine Menge an weiteren Dienstleistungen: Sitzgelegenheiten, Fahrradwerkstatt, einen Hunde-Rastplatz oder eine Büchertauschbörse. Zusätzlich steht in Rasdorf eine DHL-Packstation zur Verfügung. Das Konzept wurde mit der Agentur Design for human nature entwickelt und hat bereits mehrere Preise gewonnen. Es Zeigt sich, dass man mit solchen Konzepten den Nerv der Zeit trifft. Back to Tante Emma.

Auch Deutschland hat Dank der Schwarz Gruppe ihren Amazon Go

Auf dem Bildungscampus Heilbronn testet die Schwarz Gruppe mit Lidl ihren Pilot-Minimarkt „Shop Box“ mit den Studierenden und Mitarbeitenden auf dem Campusgelände. Dabei kommen bekannte Formate zum Einsatz. Was jedoch anders ist, ist dass man via Online-Lastschriftverfahren via Klarna bezahlt und nicht mittels der Mobile-App.

Geht es auch ohne Personal?

TREND ONE hat sich bereits diese Frage im 2017 anhand der ersten Entwicklungen in Asien und mit AmazonGo gestellt. Im Laden benötigt es effektiv kein Personal für die Betreuung mehr, in Zukunft benötigt es mehr Operations-Teams, welche die Läden befüllen oder bei Problemen unterstützen können. Für den reinen Betrieb ist die Technologie und die Warenzone ausreichend. Aber auch der Laden der Zukunft soll mit weniger Personal nach den Herleitungen von Heike Scholz auskommen. Und es ist richtig: Einige Bereiche werden vermehrt ohne Personal auskommen, wohingegen in anderen immer mehr Personal benötigt wird.

Die Roboter-Läden

Hoch automatisierte Roboterautomaten mit einem immer breiter werdendem Sortiment beschleunigen den Einkauf und bieten neue Möglichkeiten. Ob sich die vergrösserten Selecta-Automaten etablieren werden, bleibt jedoch offen.

Kontaktloser Einkauf in der Zukunft

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Quelle: IRM-HSG

Der Transformationsprozess im Einzelhandel geht radikal voran. Kundenbedürfnisse, Ansprüche und Möglichkeiten verändern sich immer schneller. Dabei müssen die Händler immer schneller auf diese Gegebenheiten reagieren und Lösungen parat haben. Aus dieser Sicht wird es immer elementarer, dass man sich konsequent mit den Zukunftsthemen auseinandersetzt, um zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit der richtigen Lösung parat zu sein. Das Forschungszentrum für Handelsmanagement der Universität St. Gallen, hat zusammen mit der Firma Zühlke eine spannende Studie zum kontaktlosen Einkauf der Zukunft gemacht.

Auch Aldi bewegt sich mit Shop&Go in die Zukunft

Aldi hat in London-Geenwich den ersten kassenlosen Supermarkt Anfang 2022 eröffnet. Mit dem 450 Quadratmeter grossen Store (grösster kassenloser Store in Europa), setzt Aldi auf das übliche Food-Angebot und weniger auf die Non-Food-Aktionsware.

Auch bei Aldi erkennen Kameras die Kunden und deren Ware. Aldi arbeitet mit dem Cashless-Spezialisten Aifi zusammen. Die grösste Herausforderungen sind Datenschutzthemen. Basis von Shop&Go ist die dazugehörige App-Lösung, welche bereits Group-Shopping ermöglicht. Aber auch bei Aldi bleibt die grösste Herausforderung, die richtige Erkennung und Zuordnung der eingekauften Waren. Aufgrund der Sortimentsbreite von Aldi sollte sich jedoch die Fehleranfälligkeit in Grenzen halten. Kulanz ist in den Kassenlosen Supermarktsystemen eine wichtige Basis für die Akzeptanz und das Vertrauen in das neue Einkaufssystem.

Aldi setzt auf die Expertise von spezialisierten Startups und nutzt deren Erfahrung für die Entwicklung des Supermarkts der Zukunft (t3n).

Innovation in der Nahversorgung

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Rewe testet mit der ersten Nahkauf BOX in Oberfranken die Akzeptanz von 7×24 Formaten in ländlichen Siedlungsgebieten. Der Shop bietet auf 39qm 700 Artikel des täglichen Bedarfs mit Obst, Gemüse, Molkereiprodukte, Drogeriewaren und Tiefkühlkost an. Alkohol wird nicht verkauft, dies ist allgemein ein komplexeres Thema im Verkauf von diesen Formaten, wegen der Altersprüfung, wie aber auch der Zurechnungsfähigkeit, welche für den Verkauf von alkoholischen Produkten zentral ist.

Die Warenversorgung wird über eine in der nahe gelegene Nahkauf-Filiale sichergestellt. So können die Einzelhändler auch in Orten ihre Waren absetzen, in denen sich der Betrieb einer Filiale nicht lohnt.

In den 7×24 Läden funktioniert vieles ohne Personal und kann dadurch auch an den Wochenenden oder in der Nacht betrieben werden. Es gibt jedoch ein ABER! So wie „Bayerns Regierung hält an hohlen Regeln fest“.

Ein automatischer Supermarkt darf sonntags nichts verkaufen, weil das gegen das Feiertagsgesetz verstößt? Es ist höchste Zeit, dass Bayern seine unmoderne Haltung aufgibt. (SZ)

Ein Betrieb des autonomen Stores ist ein Gewinn für alle. Regionen erhalten einen Laden, an denen sich der konventionelle Betrieb nicht lohnen würde. Dadurch profitieren alle Seiten, wäre da nicht die konservative Gesetzgebung. Wer sich als Innovationsstandort positionieren möchte, der muss auch Rahmenbedingungen dafür schaffen.

Smart Stores: Die Vielfalt an Möglichkeiten nimmt zu

Das Bedürfnis des ausser Hauskonsum nimmt weiter zu. Kundinnen und Kunden haben immer höhere Ansprüche, da die Möglichkeiten unserer Zeit die Konsumenten aus anderen Bereichen mit smarten Services vertraut machen. Dadurch ist der Handel seit einigen Jahren gefordert, näher und besser auf die Bedürfnisse der Kundschaft einzugehen. Rewe probiert deshalb nicht umsonst verschiede Formate wie Smart Automat, Smart Stop, Smart Box oder den Smarten Kiosk aus. Wichtig ist es, zur richtigen Zeit, das richtige Format in der richtigen Reife zur Verfügung zu haben. Wer zu spät ist, der verschenkt wichtige Marktanteile, diese wohl in Zukunft noch viel zentraler und wichtiger sein werden.

Weitere Anbieter & Formate

Über Handelsformate der Zukunft sprechen wir auch an der SCORE! Konferenz am 1. Juni zusammen mit Jérôme Gilg, CEO Manor, und Nina Müller, CEO Jelmoli im Panel: Wie sieht das Warenhaus der Zukunft aus? Aktuell sind noch Tickets hier verfügbar.

(Quelle Beitragsbild: avec.ch)



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