Farmy ist jetzt eine «B Corp» – was bedeutet das?

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Der Schweizer Online-Hofladen Farmy positioniert sich als nachhaltiges E-Commerce-Unternehmen und ist seit Mai B Corp zertifiziert.

Was hat es mit dieser Zertifizierung auf sich? «B Corp» steht für «Benefit Corporations» und damit für Unternehmen, die höchste Standards für geprüfte Leistung, Verantwortlichkeit und Transparenz erfüllen. Die Zertifizierung ist international bekannt: Weltweit haben sich 5’000 Unternehmen aus über 80 Ländern und 155 Branchen B-Corp-zertifizieren lassen. Darunter bekannte Marken, wie Patagonia, Ben & Jerry’s oder Nespresso. In der Schweiz sind es aktuell 154 Unternehmen (gemäss Informationen von blab-switzerland.ch sind es über 70 Unternehmen).

200 Fragen über fünf Bereiche

Die Zertifizierung stammt von der Non-Profit-Organisation B Lab, die in den USA gegründet wurde. In der Schweiz erfolgt die Zertifizierung durch die Schweizer Niederlassung B Lab Switzerland. Für die Zertifizierung zahlt ein Unternehmen eine Jahresgebühr, die abhängig vom Umsatz ist. Für Farmy mit seinen CHF 32 Mio. im 2021 kostet diese Zertifizierung also rund CHF 16’000.

Um die Zertifizierung zu erhalten, muss ein Unternehmen diverse Kriterien in Bezug auf ökologische und soziale Wirkung sowie Governance erfüllen. Das heisst etwa von der Wertschöpfungskette über die Input-Materialien, Spenden an gemeinnützige Organisationen oder Boni für Mitarbeitende wird alles geprüft. Dafür muss das zu zertifizierende Unternehmen einen umfassenden Frage-Katalog von 200 Fragen in fünf verschiedenen Wirkungsbereichen (sogenannte BIAs) beantworten. Diese sind: Governance, Mitarbeitende, Gemeinschaft, Umwelt sowie Kund*innen. Um überhaupt eine Zertifizierung zu erhalten, benötigt ein Unternehmen eine überprüfte Bewertung von mindestens 80 Punkten (Maximum: 200 Punkte).

Spannend übrigens: Den Frage-Katalog kann jedes Unternehmen ausfüllen und eine Punktzahl erhalten, unabhängig davon, ob es sich zertifizieren lässt oder nicht. Das Assessment gibt Aufschluss darüber, wo das Unternehmen in Bezug auf die BIAs steht, ermöglicht Benchmarking und stellt Tools zur Verfügung, um den eigenen Impact in den Bereichen zu optimieren.

Farmy mit starker Punktzahl

Farmy hat einen Overall B Impact Score von 103.6 Punkten erreicht. Mit diesem Resultat liegt der Online-Lebensmittelhändler deutlich über dem Median von 50.9 und sticht damit im Vergleich zu anderen zertifizierten Unternehmen heraus: Too Good To Go: 81.6; Nespresso: 84.3; Evian Volvic Suisse: 81.3. Die Gesamtpunktzahl ist grundsätzlich vergleichbar, auf die Unterkategorien der einzelnen Bereiche runtergebrochen allerdings nicht, da dort der Zertifizierungsprozess im Detail angepasst wurde.

Auf Anfrage sagt Farmy, dass der Optimierungsfokus aktuell in den beiden BIAs Umwelt und Mitarbeitende liegt, da dort die Differenz vom erreichtem Score zu noch zu erreichenden Punkten am grössten sei. In den Bereichen Gemeinschaft, Kund*innen und Governance würden sie hingegen schon sehr gut abschneiden.

Der Overall B Impact Score von Farmy liegt bei 103.6. — Quelle: bcorporation.net

Kontinuierliche Verbesserung

Warum hat Farmy gerade die B Corp Zertifizierung gemacht und nicht etwa die ebenfalls bekannte und viel verbreitetere Rating-Plattform EcoVadis? Für sie sei die B Corp Zertifizierung insbesondere deshalb spannend, weil B Corp gerade in der Investoren-Szene sehr renommiert ist, sagt Farmy. B Corp decke ausserdem die ganzheitliche Nachhaltigkeit sehr gut ab und ist branchenübergreifend anwendbar.

Farmy sieht die Zertifizierung ganz im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. So hält die Nachhaltigkeitsmanagerin und Projektleiterin Anja Constien fest: «Natürlich gibt es jedoch auch noch viel Luft nach oben. Wir sind mit der B Corp-Zertifizierung einer Bewegung beigetreten, die uns dabei hilft, den nachhaltigen Erfolg noch bestimmter anzugehen.»

Farmy B Corp Certification
Nachhaltigkeitsmanagerin und Projektleiterin Anja Constien mit dem B Corp Zertifikat. — Quelle: Farmy

Was sagen Expertin und Mitbewerber?

Ähnlich äussert sich Friederike von Waldenfels, Handelsexpertin mit vertiefter Expertise in Nachhaltigkeitsthemen, auf die Frage nach dem Nutzen einer solchen Zertifizierung: «Es gibt ein gutes Framework vor und zeigt die Verbesserungspotentiale im Unternehmen. Eine B Corporation Zertifizierung kann in zweierlei Hinsicht hilfreich sein: Erstens, das Unternehmen stellt sich in allen Unternehmensbereichen die Frage der Nachhaltigkeit, führt ein ESG (=Environment, Social, Governance) Accounting ein und formuliert ein klares nachhaltiges Ziel für Umwelt aber auch soziale Themen.

Zweitens, immer mehr Konsumenten suchen nach «proven» nachhaltigeren Unternehmen / Produkten und eine solche Zertifizierung kann in der Kundenkommunikation helfen.» Friederike von Waldenfels gibt aber auch zu bedenken, dass die Einführung, das Zertifizieren und dir daraus resultierenden Veränderungen im Bereich Sozial und Umwelt aufwendig und weitreichend seien.

Und wie äussern sich Farmys Mitbewerber Coop und Migros Online dazu? Befassen sie sich ebenfalls mit solchen Themen? Philippe Huwyler, Leiter coop.ch sagt: «Coop.ch beobachtet die Entwicklung rund um verschiedene Zertifizierungsanbieter aufmerksam. Sollte diesbezüglich etwas spruchreif werden, kommunizieren wir dies zeitnah. Derzeit setzen wir nicht auf eine Zertifizierung von B-Corp.»

Andrea von Kaenel, CMO bei Migros Online, sagt: «Die B-Corp-Zertifizierung ist der Migros bekannt und sie stuft das Rating als sehr sinnvoll und glaubwürdig ein. Grundsätzlich prüft die Migros regelmässig, ob und wo sie bei Nachhaltigkeitsratings teilnimmt.»

Schweizer Konsument*innen erwarten Nachhaltigkeit

Dass für Schweizer Konsument*innen Nachhaltigkeit trotz vieler anderer Ängsten, wie Teuerung, Pandemie oder Ukraine-Krieg weiterhin hohe Relevanz hat, zeigen etwa aktuelle GfK-Daten: «Klimawandel und Umweltverschmutzung gehören nach wie vor zu den grössten Sorgen der Schweizer, auch wenn die Pandemie den Klimawandel kurzfristig auf den zweiten Platz im Sorgenranking verdrängt hatte» sagt Anja Reimer, Consumer Intelligence GfK im aktuellen Podcast zum Konsumentenpuls. Das Marktforschungsinstitut rät Unternehmen ergo, sich weiterhin umweltfreundliche aufzustellen, um langfristig am Markt erfolgreich zu bleiben.



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5 KOMMENTARE

  1. Es ist und bleibt ein Blödsinn, auch wenn sich die/der Chef*in (ist das jetzt so korrekt?) für die Sterne in die Bresche wirft. Es ist ganz einfach eine unnötige und themenfremde Positionierung für eine Beratungsfirma, die sich damit ein eine bestimmte sektiererische Ecke stellt. Schade. Ecommerce hat jetzt auch ohne solche künstliche Herauforderungen genug andere, wichtigere Aufgaben und Themen. Und Blödsinn ,den man durch Firefox-Addon wieder entfernen kann, ist halt immer noch Blödsinn. Aber vielleicht bietet ja das Gendern ganz neue Beratungsmöglihckeiten im luftleeren Raum. Viel Glück!

  2. Hallo zusammen
    Ob mit oder ohne *. Der Artikel ist sehr gut und zeigt das Alexandra und ihr Team verstehen wo die Reise hingeht. Viele eCom companies sollten sich besser einige Gedanken machen wie sie etwas zur Nachhaltigkeit beitragen können (social engagement, recycle, 2nd hand, etc.).
    Goodbye fast fashion und Impulskäufe auf Wegwerfprodukte.

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