Update 2023 zum Need for Speed im Schweizer E-Food #Quickcommerce

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In den letzten beiden Jahren haben wir über den Need for Speed im Schweizer E-Food berichtet. Die Blitzlieferdienste schienen wie Pilze aus dem Boden zu schiessen, mit Avec now, Hey Migrolino und Stash waren gleich drei Player auf den Schweizer Markt gekommen, die unter einer Stunde Lebensmittel liefern. Zudem standen einige ausländische Unternehmen vor dem Eintritt in den hiesigen Markt.

Nun sind wir gespannt auf das Update 2023 und schauen, wie sich unsere gewagten Prognosen vom letzten Jahr „geschlagen“ haben.

Was hat sich in den letzten 12 Monaten im Quick-Commerce getan?

Beginnen wir mit den Unternehmen, die von der Bildfläche verschwunden sind, oder deren angekündigter Markteintritt (immer noch) nicht erfolgt ist.

Nachdem sich Avec now im April 2022 aus Zürich zurückgezogen hatte, um sich voll auf den Markt in Basel zu konzentrieren, stellte der Lieferdienst der Valoragruppe im Dezember den Betrieb gleich ganz ein. Trotz treuer Kundschaft habe es leider nicht gereicht.

Printscreen der Webseite avecnow.ch
avec now hat au revoir gesagt. Quelle: Screenshot avecnow.ch

Avec now folgte damit dem Beispiel von Migrolinos Quick-Commerce-Dienst Hey Migrolino, der Ende August 2022 eingestellt wurde. Die Handelszeitung hatte bei Migrolino nach den Gründen gefragt, zu lesen im Artikel «Hey Migrolino stellt Dienst per Ende August ein».

Obwohl seit zwei Jahren in aller Munde, wartet man in der Schweiz weiterhin auf dein Markteintritt des tschechischen Anbieters Rohlik. Zeitweise lag die Übernahme durch Farmy in der Luft. Daraus wurde (bis jetzt noch) nichts und scheint sich in nächster Zeit auch nicht abzuzeichnen. Der Onlinesupermarkt für Frischprodukte hat seine Präsenz in Zentral- und Osteuropa weiter ausgebaut und im letzten Juni EUR 220 Mio. in einer Finanzierungsrunde der Serie D unter der Leitung des neuen Investors Sofina eingesammelt. Damit zeigen die Investoren grosses Vertrauen ins Unternehmen und dessen Geschäftsmodell.

Was lief beim Berliner Quick-Commerce Anbieter Gorillas? Im Sommer 2021 gründete das Unternehmen eine Tochterfirma in Zürich und war ready, die Schweiz im Sturm zu erobern – um die Gesellschaft dann nur ein Jahr später wieder einzustampfen. Gorillas ist somit auch out. Und noch mehr: Im Januar übernahm der türkische Schnelllieferdienst Getir das deutsche Unternehmen, welches eine deutlich niedrigere Bewertung als noch vor einem Jahr in Kauf nehmen musste.

Gorillas-Fahrer in London. Quelle: Bloomberg

Bleiben nicht mehr viele Player im Schweizer Markt.

Freie Fahrt nun für Stash, die aktuell in Zürich und Luzern aktiv sind. Beim Schweizer Blitzlieferdienst ist in den letzten 12 Monaten einiges gegangen: Rückzug aus Basel, neue Finanzierungsrunden, sowie Sortimentserweiterung mit elektronischen Geräten wie Kopfhörer, Kabel oder Ladegeräte. Das Unternehmen zeigte sich Ende 2022 optimistisch mit Wachstumsplänen. Kürzlich wurden aber die zwei Standorte Oerlikon und Seefeld in Zürich geschlossen und die Öffnungszeiten angepasst. Trotzdem scheint Stash der aktuell einzige Quick-Commerce-Anbieter in der Schweiz zu bleiben. 

Need for Speed 2023 im Schweizer Food Onlinehandel – Quelle/Grafik: Carpathia AG

Weitere News aus dem Schweizer E-Food-Markt

Im Schweizer Lebensmittel-Onlinehandel tut sich was: Migros Online stagniert beim Umsatz und droht gar, hinter Konkurrentin Coop.ch zurückzufallen. Gewachsen ist der Marktanteil von Coop.ch aber nicht nur auf Kosten von Migros Online, sondern auch zulasten von Farmy.ch. Der Online-Hofladen erwirtschaftete 2022 CHF 1 Mio. weniger Umsatz als noch im Vorjahr.

Bleiben wir bei Farmy: Nachdem die 2022 angekündigte Kooperation zwischen Alnatura und Farmy mit einem Pilotprojekt in Berlin und Frankfurt am Main startete, finden sich neu auch Alnatura Produkte auf der Webseite des Schweizer Food-Anbieters. Für Farmy ist Alnatura ein spannender Partner für den Launch ihres «digitalen Werkzeugkastens» für den Online-Vertrieb von Lebensmitteln. Für 2023 hat sich das Unternehmen die eigene Profitabilität sowie das Thema Nachhaltigkeit gross auf die Fahne geschrieben. «Um noch mehr vermeidbare Emissionen zu reduzieren, werden wir für alle Bestellungen unter CHF 100 einen Mindermengenzuschlag einführen», schrieb Farmy im November in einem Newsletter.

Im E-Commerce-Podcast spricht Tobias Schubert, Co-Founder von Farmy, unter anderem darüber, wie Farmy dank Fokus auf Nachhaltigkeit Mitarbeitende findet, ob die 3h-Lieferung nachhaltig ist und ob er eine 10-Minuten-Lieferung für nötig hält. Der Beitrag kann auf folgenden Kanälen gehört werden: Apple PodcastSpotify sowie Website.

Zurück zu Migros Online: Wer denkt, das Unternehmen schläft, liegt falsch. Das Unternehmen baut in Regensdorf ein neues hochmodernes Verteilzentrum. Das Lager soll bis 2026 fertig werden und Platz für rund 21’000 Artikel bieten. Mit dem neuen Lager will die Migros Online-Bestellungen weiterhin schnell und effizient bewältigen und das Stadtgebiet Zürich noch am gleichen Tag beliefern können.

Mitte Dezember hatten wir bereits das Start-up Loxo erwähnt, ein autonom fahrendes und emissionsfreies Lieferfahrzeug, das speziell für Schweizer Städte entwickelt wurde. Nun testen die Migros und der Liftbauer Schindler Loxo im Rahmen eines sechsmonatigen Pilotversuchs, bei dem Loxo Schindler-Mitarbeitenden ihre Bestellungen aus einer Migros-Filiale in Ebikon zum Firmencampus liefert.

Das Gefährt Loxo Alpha. Quelle: Watson

Seit ein paar Tagen kann bei Migros nur noch über eine Migros-App eingekauft werden. Die Shopping-Funktionen wurden von der dedizierten Migros-Online-App übernommen, welche Ende Mai eingestellt wurde. Die neue All-in-One-App-Strategie kam schnell, nachdem erst im April die Kauffunktion in der Migros-App eingeführt wurde. Aus Sicht der Nutzerfreundlichkeit ist der All-in-One-App-Ansatz sicherlich sinnvoll.

Die Migros-Online-App wurde eingestellt. Bild: Konsider

Lebensmittel können bei der Migros weiterhin sowohl bei Migros Online als auch bei myMigros bestellt werden. Wer sich fragt, warum es die beiden Formate gibt: Hier gehts zum kürzlich veröffentlichten Erklärvideo, in dem die Unterschiede aufgezeigt werden.

Um Konkurrentin Coop ist es ruhiger. Das Unternehmen konnte 2022 beim Online-Umsatz um 8.4% zulegen und damit Marktanteile gewinnen. Derweilen hält sich das Unternehmen beim Thema E-Food bzw. neuen Projekten und Ideen aus den Schlagzeilen. No News, good News?

Neu im Geschäft ist Discounter Aldi Suisse, der mit seinem Online-Lieferdienst Aldi-now die beiden Platzhirsche angreifen will. Das Unternehmen hat die einjährige Testphase seines Onlineshops erfolgreich abgeschlossen und will seinen Lieferdienst auf die grössten Städte des Landes erweitern.

Ist localonly.ch der neue Rising Star in der Schweizer Szene? Punkto Logistik ist der Lebensmittelanbieter dank der Muttergesellschaft gut aufgestellt und attraktiv für die Kundschaft, da bisher keine Liefergebühren anfallen: Der Online-Marktplatz der Schweizerischen Post bringt Lebensmittel-Produzenten und Kundinnen einer Region zusammen und liefert die Bestellung zusammen mit der Briefpost nach Hause.

Value Proposition von LocalOnly – eine Initiative der Schweizerischen Post.

Ein Blick auf unsere Nachbarn

Bei unserem nördlichen Nachbarn ist Picnic weiterhin auf Wachstumskurs und plant 2023 weitere 15 bis 25 Hubs zu eröffnen. Bis 2025 will das Unternehmen Deutschland komplett abdecken.

Frankreich sagt den Dark Stores und damit dem Quick Commerce den Kampf an: Angesichts wachsender Proteste von Einheimischen und Stadtbehörden hat die Regierung von Präsident Emmanuel Macron verfügt, dass die Geschäfte als Lagerhäuser und nicht als Geschäfte eingestuft werden – was bedeutet, dass die meisten in Paris und anderen Städten wahrscheinlich zur Schliessung gezwungen werden. Kürzlich wurde zudem bekannt, dass der Berliner Player Flink offenbar seinen Rückzug aus dem französischen Markt vorbereitet, da zu viele regulatorische Hürden bestehen, um das Geschäft profitabel entwickeln zu können.

Der japanische Convenience-Gigant 7-Eleven plant, in Europa zu expandieren und dabei Deutschland als Hauptmarkt anzustreben. Auch die Schweiz wird in zweiter Priorität genannt.

Fazit zum Schweizer E-Food: Vom Need for Speed zu Need to Survival 

In der Schweiz scheint der Hype um Quick-Commerce seinen Zenit endgültig überschritten zu haben. Die Angebote und Liefergebiete sind zurückgegangen. Die übriggebliebenen Anbieter lassen sich nicht nur an einer Hand, sondern an einem Finger abzählen.

Da stellt sich die Frage, wie gross die Nachfrage nach Turbo-Foo-Lieferung wirklich ist bzw. ob das Geschäftsmodell in der Schweiz rentabel und umsetzbar ist. (War es Zufall, dass Gorillas seinen Rückzug aus der Schweiz an jenem Tag bekannt gibt, an dem Galaxus das Konzept „Schneckenpost“ lanciert?)

Eine Überlebensstrategie könnten die Erträge durch Marken und Lieferanten sein. Wir werden es sehen. Es zeichnet sich ab, dass die „Party“ im Same-Day-Delivery-Bereich und nicht bei den Kurzlieferzeit-Anbietern steigen wird.

Schweizer Food Onlinehandel 2023 – Quelle/Grafik: Carpathia AG

 



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