Auch dieses Jahr war das Carpathia-Team auf der K5 FUTURE RETAIL CONFERENCE in Berlin vertreten. Die Konferenz 2025 fand am 24. und 25. Juni statt.
Wie schon in den vergangenen Jahren durften wir erneut spannende Panels, inspirierende Vorträge und anregende Diskussionen miterleben. In diesem Beitrag haben wir unsere persönlichen Highlights und wichtigsten Learnings für Sie zusammengefasst:

K5 Thesen 2025: So tickt der Handel von morgen
Das diesjährige Thesen-Panel brachte erneut pointierte Einschätzungen zur Lage des Handels. Sechs Expertinnen und Experten aus der Handels- und Digitalszene präsentierten, wohin sich die Branche aus ihrer Sicht bewegt. Die Teilnehmenden bewerteten im Anschluss die Thesen – mit einem spannenden Ergebnis, das zeigte, welche Einschätzungen besonders überzeugten.
Karo Junker de Neui setzte gleich zwei starke Akzente, wovon eine These mit Abstand zur beliebtesten wurde: „Geschwindigkeit schlägt Strategie“ war nicht nur ein Weckruf an die Branche, sondern auch eine klare Ansage an alle, die in langen Planungsschleifen verharren. Wer in der digitalen Handelswelt nicht blitzschnell agiert, verliert. Geschwindigkeit ist nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern selbst Wettbewerbsvorteil. Damit sicherte sie sich Platz 1 im Voting.
Kristina Mertens von everstox traf mit ihrer Aussage „Content muss Kern sein, nicht Kür“ ebenfalls den Nerv der Zeit. Während viele noch über Technologien und Kanäle diskutieren, rückt sie den Fokus zurück auf Inhalte: Nur wer relevanten, zielgruppengerechten Content liefert, bleibt sichtbar und überzeugend. Diese These landete auf Rang 2.
Auch Platz 3 ging an Karo Junker de Neui mit ihrer zweiten These: „Von Effizienz zu Empathie: Empathischer E-Commerce braucht eine neue Erfolgsmessung“. Sie fordert ein Umdenken bei den KPIs – weg von reinen Performancekennzahlen, hin zu qualitativen Beziehungen, echter Kundenzentrierung und neuen Metriken.
Stefan Wenzel brachte mit „Schrottwichteln ist vorbei“ eine klare Botschaft: Relevanz, Qualität und Einzigartigkeit entscheiden über den Erfolg – für Menschen wie für KI. Wer austauschbare Massenware liefert, verliert an Sichtbarkeit und Vertrauen.
Johannes Altmann kritisierte in seiner typischen Klarheit: „Wir haben den Kunden längst aus den Augen verloren“. Zu viel Technik, zu wenig echtes Kundenverständnis – eine Branche, die sich in Prozessen verliert, läuft Gefahr, ihre Basis zu vergessen.
Das Voting machte deutlich: Geschwindigkeit, Substanz und Empathie sind die zentralen Erfolgsfaktoren im E-Commerce 2025 – nicht Tools, Plattformlogiken oder reine Skalierbarkeit. Die K5 Thesen lieferten damit nicht nur Orientierung, sondern konkrete Denkimpulse für Entscheiderinnen und Entscheider im digitalen Handel.
Discovery Commerce mit TikTok Shopping
TikTok verändert das Konsumverhalten grundlegend – das zeigte das Panel mit Max Burianek, Lead Tiktok Shop Germany, Sahra Al-Dujalli, Group Vertical Director Consumer Goods von TikTok und Julia Winkler, Head of E-Commerce bei Hitschler eindrucksvoll. Die Plattform ist längst mehr als nur Unterhaltung: Entdeckung, Inspiration und Kaufentscheidung finden ohne Umwege direkt im Feed statt. Die Community und Creator spielen dabei eine zentrale Rolle, indem sie Produkte mit authentischem Content erlebbar machen. Mit über 175 Milliarden Euro potenzieller Kaufkraft und jeder vierten Person in Deutschland als aktive Nutzer*in bietet TikTok Marken eine hohe Reichweite.
Nutzer*innen entdecken nicht nur gezielt Produkte, sondern auch Inhalte, von denen sie vorher nicht wussten, dass sie sie interessieren. TikTok ist heute nicht nur ein Impulsgeber für neue Trends im Unterhaltungsbereich, sondern auch Verkaufsplattform. Virale Phänomene wie die Dubai-Schokolade zeigen, wie schnell aus einem Nischentrend reale Nachfrage entsteht – bis hin zu leeren Regalen im Einzelhandel.
Mit dem TikTok Shop wird dieser Kaufimpuls direkt umgesetzt: Entdecken, Präsentieren und Kaufen, alles auf einer Plattform. Formate wie Shopping Videos, Live-Shopping, der Shop-Tab oder das Showcase ermöglichen es Marken, den gesamten Funnel abzubilden.
Erste Unternehmen wie Teveo und Cosnova sammeln bereits Erfahrungen in Deutschland – mit communityzentriertem Content, ergänzt durch Live-Formate. Eine hohe Reichweite, schneller Zugang zur Zielgruppe und direktes Feedback werden erzielt. In Grossbritannien zeigt sich das Potenzial noch deutlicher: ASOS generierte 57 % Neukund*innen, bei Zalando hatten 97 % vorher nie dort bestellt, Lidl verkaufte 3’000 Protein Bundles in nur 18 Minuten.
Ein starkes Beispiel aus Deutschland ist Hitschies: Julia Winkler, Head of E-Commerce bei Hitschler nutzt TikTok nicht nur für Reichweite, sondern auch als Plattform für Marktforschung. Der Fokus liegt klar auf Spass, Spontanität und Nähe zur Community – mit Liveshopping als Schlüsselelement und Content, der direkt zur Conversion führt.
Fazit: TikTok ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein dynamischer Marktplatz. Wer kulturell relevant agiert, die Community ernst nimmt und kreativ mit Creators arbeitet, kann von Reichweite, Tempo und Verkaufsstärke nachhaltig profitieren. Wir sind gespannt, wann TikTok Shopping in die Schweiz kommt.
China-Update: Temu, Zölle und die China-Strategie im Cross-Border-Handel
Ed Sander präsentierte ein umfangreiches Update zur Entwicklung chinesischer Cross-Border-E-Commerce-Plattformen, die in China als die «Four Little Dragons Going Overseas» bezeichnet werden: AliExpress (Alibaba), Shein, Temu (Pinduoduo) und TikTok Shop (Bytedance).
Ein grosser Schwerpunkt der Keynote lag auf Temu und dessen Umgang mit den neuen US-Gesetzgebungen: Nach dem Aussetzen der De-minimis-Regel für China und Hongkong durch die Trump-Regierung Anfang Mai (Pakete unter 800 USD waren zuvor zollfrei) sowie der massiven Anhebung von Zöllen auf Direktimporte aus China in die USA, stellte Temu schnell auf ein sogenanntes «semi-managed Model» um. Das bedeutet: Die Ware wird nicht mehr direkt aus China versendet, sondern aus Lagern lokaler Lieferanten in den USA. Bereits im April hatte Temu begonnen, seine Werbeausgaben von den USA auf Europa zu verlagern.

Mitte Mai folgte dann eine teilweise Deeskalation im Handelskonflikt zwischen den USA und China: Die US-Zölle auf bestimmte chinesische Direktimporte wurden von bis zu 145 % auf 54 % gesenkt. Temu reagierte sofort und stellte für wirtschaftlich rentable Produkte wieder auf das «fully-managed Model» um – also Direktversand aus China.
Auch in Europa gibt es derzeit Bestrebungen, Direktimporte aus China unattraktiver zu machen – etwa durch eine Abgabe von 2 Euro pro Paket oder einen Umweltaufschlag von bis zu 5 Euro pro Artikel in Frankreich. Laut Ed Sander dürfte dies Anbieter wie Temu oder Shein kaum ausbremsen: Selbst mit Aufschlägen sind sie oft noch günstiger als lokale Wettbewerber. Zudem seien die durchschnittlichen Warenkörbe bei Temu und Shein mittlerweile so hoch, dass sich fixe Aufschläge sich nur geringfügig auf den Einzelpreis auswirken.

AI FIRST im E-Commerce
Das war der Keynote-Titel des vielbeachteten Innovationsberaters Ruppert Bodmeier, aber ganz generell war das Thema Künstliche Intelligenz wenig überraschend omnipräsent. Je nach Perspektive standen Chancen wie kostengünstige qualitative Contenterstellung und Chat-GPTs als neue Akquisekanäle im Vordergrund, oder aber es ging um Risiken wie der Relevanzverlust des Onlineshops und die Degradierung des Handels hin zum logistischen Zulieferer.
Ruppert Bodmeier fokussierte sich auf die Chancen und formulierte drei Kernthesen.
The Magic of One Click
Die Generativen Sprachmodelle führen zur komplett neuen Situation, dass hochwertiger Content in Text, Bild und Video automatisiert in kürzester Zeit und zu vernachlässigbaren Kosten erstellt werden kann. Durch die Konfiguration durchdachter Workflows und Content-Bausteine kann die Generierung ganzer Kampagnen mit wenigen Klicks angestossen werden. Ausgehend von Kanal, Touchpoint und Message sollen Content-Struktur-Templates erstellt werden, die für jeden Baustein (Cliffhanger, Text, Bild, Video) auf das jeweils spezialisierte KI-Modell zurückgreifen. Eine kluge Struktur in Kombination mit präzisen Prompts führt so zu einzigartigem markenspezifischen Content.
Intelligenz ins Sortiment bringen
Die Zeiten der reinen Produktbeschreibung anhand technischer Merkmale (Beispiele: GHz für Computer, Lumen für Leuchtmittel oder Watt für Staubsauger), deren Interpretation Fachwissen erfordert, sind vorbei. KI ermöglicht die Ausspielung der Sortimente basierend auf konkreten praktischen Bedürfnissen. Hierfür muss der Kontext der Kunden abgefragt und verstanden werden. Für den Kauf eines Staubsaugers sind diese Kontextsignale u.a. Grösse der Wohnung, Art des Bodens, Anzahl Personen im Haushalt und Haustiere. Als Gegenleistung für den Erhalt dieser Informationen sollen Anbieter nicht nur das passende Produkt vorschlagen, sondern gleich auch weitergehende Dienstleistungen bereitstellen wie beispielsweise ein individuell passender Reinigungsplan. „Kontext ist King oder ein schlechter Prompt mit dem richtigen Kontext wird immer besser sein als ein genialer Prompt ohne Kontext.“
Dynamisierung des Geschäftsmodells
Die automatisierte Erstellung von Content und Serviceleistungen «on the fly» in wenigen Sekunden führt zu einer neuen Dynamik im Geschäftsmodell. Aus Fixkosten werden variable Kosten, da der Umfang der Marketinginhalte, Produktpräsentation und Serviceleistungen abhängig von effektiven Verkaufssignalen gesteuert werden kann. Lange Vorlaufszeiten und Kostenaufwände im Giesskannenprinzip mit unklarem zukünftigen Verkaufserfolg gehören bald der Vergangenheit an. Neue KPIs werden benötigt, die potenziellen Umsatz in Relation zu Generierungskosten setzen.
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