Was taugt der ChatGPT Agentenmodus im Online-Einkauf?

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Vor zwei Monaten haben wir im Beitrag „Produktsuche im Wandel: Googles Thron wackelt – und was macht Digitec Galaxus?“ gezeigt, dass klassische Suchmaschinen und Plattformen wie Galaxus oder Amazon als Einstiege in die Produktsuche durch ChatGPT zunehmend unter Druck geraten.

Inzwischen rückt bei ChatGPT der neue Agentenmodus in den Fokus (Pro, Plus oder Team-Abo nötig). Dieser arbeitet mithilfe einer virtuellen Umgebung („virtueller Computer“) und kann Aufgaben eigenständig ausführen – z. B. Webseiten durchsuchen, Formulare ausfüllen, Präsentationen erstellen oder E-Mails zusammenfassen.

Anders als beim klassischen Chat mit ChatGPT, wo jede Aktion manuell angestossen werden muss, übernimmt der Agent im Agentmodus komplexe Workflows selbstständig. Auch wenn der automatisierte Onlineeinkauf zum jetzigen Zeitpunkt kein vorgeschlagener Best-Practice Use Case darstellt, wollen wir dies nun testen. Der ChatGPT Agent soll selbstständig Preise vergleichen, den passenden Onlineshop ansteuern, den Warenkorb füllen und im besten Fall den Einkauf abschliessen, sprich den gesamten Kaufprozess übernehmen.

Testfall 1: Konkretes Markenprodukt

Suche: On Running The Roger Advantage Sneaker Herren, Grösse 42, weiss

Prompt: Finde mir den On Running The Roger Advantage Sneaker Herren, Grösse 42, weiss in Schweizer Shops. Vergleiche Preise und Lieferzeiten und lege das günstigste verfügbare Angebot in den Warenkorb.

Fazit: Sobald der Agent gestartet wird, öffnet sich im Chat-Fenster ein kleines Browser-Fenster – wie ein Monitor im Monitor. Darin läuft der Prozess wie ein Film ab: Der Agent besucht nacheinander Shops, akzeptiert Cookies, scrollt durch Produktseiten und kommentiert jeden Schritt („Ich suche die gewünschte Grösse…“, „Ich prüfe den Preis…“). Bei meinem Sneaker-Befehl fand er tatsächlich den gewünschten On Running The Roger Advantage in Grösse 42 und legte ihn bei Galaxus in den Warenkorb und fragte mich, ob er den Kauf abschliessen soll, was ich bestätigte.
Das klappte dann aber nicht mehr, der Kaufprozess stoppte beim Login und ich wurde gebeten, die Steuerung des virtuellen Browsers selbst zu übernehmen. Der Checkout müsste somit manuell erfolgen, worauf ich verzichtete.

Spannend war das Zuschauen des Agentenprozesses: Über acht Minuten lang navigierte dieser durch die Shops und erklärte stets nachvollziehbar, die aktuellen Analyseschritte. Positiv aufgefallen ist die fundierte Analyse auch kleinerer unbekannter Shops und die korrekte Identifikation des günstigsten Produktes.

Testfall 2: Bedarfsorientierte Produktsuche ohne Markenpräferenz

Suche: Akku-Rasenmäher mit Fangkorb für 30 m² Fläche

Prompt: Suche einen Akku-Rasenmäher mit Fangkorb, geeignet für eine Rasenfläche von ca. 30 m². Vergleiche Angebote von Schweizer Shops, berücksichtige Akkulaufzeit, Gewicht und lege das Gerät mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis in den Warenkorb.

Fazit: Beim Akku-Rasenmäher zeigte sich, dass der Agent zwar Geräte finden und nachvollziehbar vergleichen konnte, relevante Shops für einen fundierten Vergleich konnten hingegen nicht angesteuert werdenJumbo, Hornbach, Bauhaus und Nettoshop blockierten den Agenten-Zugang, Brack.ch und Landi tauchten in der Analyse erst gar nicht auf. Nach der ersten Auswahl merkte ich zudem, dass mir das vorgeschlagene Modell zu gross war, also bat ich den Agenten um kleinere Varianten. Da Galaxus schon im Test 1 ausführlich vorkam, forderte ich eine Alternative, worauf er die beiden Händler Obi und Toolnation vorschlug. Bei Obi war das Modell am Ende nicht lieferbar, bei Toolnation hätten fast 50 Franken Versandkosten angestanden. Nach über 20 Minuten Suche ohne die für mich relevanten Shops zu berücksichtigen, brach ich den Einkauf ab.

Testfall 3: Consumer-Electronic-Produkt ohne Markenpräferenz, mit Budgetvorgabe

Suche: Mini-Beamer für Netflix, Budget CHF 300

Prompt: Finde mir einen Mini-Beamer für Netflix im Schlafzimmer, Budget maximal CHF 300. Vergleiche Schweizer Shops und Temu, prüfe Lieferzeiten und Garantiebedingungen und lege das beste verfügbare Angebot in den Warenkorb.

Fazit: Der Agent zeigte verschiedene Shops an, darunter auch Brack.ch. Bei Temu blieb er allerdings an einem Captcha hängen – hier musste ich kurz manuell übernehmen, bevor ich ihm die Kontrolle wieder zurückgeben konnte. Danach präsentierte er eine übersichtliche Vergleichstabelle mit allen Shops, den wichtigsten technischen Daten (Auflösung, Helligkeit, Streaming-Fähigkeit) und einer klaren Empfehlung. Ich entschied mich für Brack.ch. Dort führte der Agent die Bestellung als Gast sauber durch: Er löschte alte Warenkorbeinträge, erfasste meine Adresse korrekt in den Formularfeldern und wäre sogar in der Lage gewesen, den Kauf per Rechnung vollständig abzuschliessen!

Abschliessende Einschätzung

Der Agent besucht verschiedene Onlineshops, vergleicht und analysiert relevante Produktsortimente, berücksichtigt Budgetvorgaben und gewünschte Produkteigenschaften, findet passende Produkte und legt diese selbständig in den Warenkorb. Ein vollständiger Kaufabschluss ohne manuellem Eingriff war hingegen nur im dritten Testfall möglich. Voraussetzung hierfür war die Möglichkeit zur Gastbestellung und die Bezahlung auf Rechnung, wie es bei Brack.ch der Fall ist.

Negativ aufgefallen beim Testfall 2 ist die Nichtberücksichtigung relevanter Händler u.a. aufgrund Zugangsbeschränkungen seitens Anbieter. Bezüglich dieser Thematik hat unser Kollege Malte Polzin die Top-50-Onlineshops der Schweiz auf ihre Zugänglichkeit für den ChatGPT-Agenten geprüft.

Abschliessend kann gesagt werden, dass im angewandten Testsetting der praktische Nutzen (fundiertere Produktsuche, Produkt in Warenkorb legen) des Agenten im Vergleich zum normalen Chat beim Onlineeinkauf noch beschränkt ist. Spannend sind jedoch Überlegungen in Richtung automatisierte Workflows mit Bestellaufträgen, ähnlich den aus dem Banking bekannten „Limit-Orders“. Der Agent soll die nächsten Tage die Preise analysieren und den Kauf des On Sneakers tätigen, sobald ein Preis unter CHF 100 auftaucht. Was wären wohl die Auswirkungen auf die zukünftige Rabattgestaltung der Anbieter?

Spannend bleibt die weitere Entwicklung im Bereich AI und E-Commerce allemal. Wer weiterdenken will, sollte sich unbedingt auch mit den beiden AI Agenten Kommunikations-Protokollen MCP oder A2A befassen, um die Shops auch ohne klassisches Frontend agententauglich zu machen.



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