Software-Strategie im Onlinehandel nach dem SaaS-Börsencrash

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Salesforce, SAP, Hubspot, Shopify und sogar Microsoft: In den letzten Wochen hatten viele Enterprise-Software-Unternehmen mit massiven Kursverlusten an der Börse zu kämpfen. Kumuliert beliefen sich die Verluste auf fast unvorstellbare USD 1’000 Milliarden und mehr. Schwergewichte aus dem Digital-Commerce-Ökosystem waren stark betroffen. Was ist passiert? Und was bedeuten diese Entwicklungen für den Onlinehandel? In diesem Beitrag teilen wir unsere Gedanken und Einschätzungen.

Die Auslöser des Einbruchs

Auslöser des Einbruchs war einerseits die Sorge der Investoren, dass KI-Agenten die klassischen, Abonnement-basierten Geschäftsmodelle («per-seat licensing») in Frage stellen. Andererseits sinken die Eintrittsbarrieren in der Softwareindustrie durch die laufenden Fortschritte in der KI-gestützten Programmierung, dem sogenannten «Vibe-Coding». Sie macht die Software-Entwicklung zunehmend schneller und zugänglicher.

Alles nur KI-Hype?

Sind diese Ängste real oder doch eher Teil eines übertriebenen Hypes rund um KI? Bei Carpathia sind wir überzeugt, dass der breite Einsatz von KI-Agenten im Berufsalltag die Software-Industrie stark verändern wird. Aktuell geht es jedoch noch kaum um die vieldiskutierten Shopping-Agents, welche mittel- bis langfristig im Onlinehandel ein grosses Thema werden könnten.

In einem ersten Schritt werden Unternehmen vor allem interne Prozesse mithilfe von KI-Agenten automatisieren. Wenn Software vor allem von Agenten statt von menschlichen Usern genutzt wird, müssen Anbieter ihr Pricing-Modell anpassen: Die Abogebühr pro User wird von der Gebühr pro Nutzung («pay per use») abgelöst. Gleichzeitig wird die Relevanz der Benutzeroberfläche (Frontend) zugunsten einer immer tieferen Datenintegration abnehmen. Softwarefirmen, die sich schnell anpassen und diese Entwicklungen monetarisieren können, werden zu den Gewinnern gehören.

Software-Branche trotz «Vibe-Coding» noch lange nicht am Ende

Der zweite Faktor ist die KI-gestützte Programmierung, dank welcher die Softwareentwicklung immer schneller wird und weniger technische Fähigkeiten voraussetzt. Ein im Internet verbreitetes Narrativ sagt voraus, dass in Zukunft jede erdenkliche Software per Prompt erstellt werden kann. Daraus folgt, dass es keine spezialisierten Entwickler*innen und im Extremfall auch keine Software-Anbieter mehr geben wird.

Wir glauben, dass dies ein unrealistisches Szenario ist. Auch wenn KI-generierter Code weiterhin rasant besser wird, werden nur wenige Firmen die sich bietenden Möglichkeiten voll ausschöpfen, weil sie dadurch den Fokus auf ihr Kerngeschäft verlieren würden. Auch im KI-Zeitalter werden spezialisierte Anbieter die Entwicklung und Wartung von Software sowie deren laufende Anpassung an neue Standards und Regulierungen übernehmen und dafür bezahlt werden.

Intensiver Wettbewerb erwartet

Wird sich folglich abgesehen vom Zahlungsmodell nichts ändern? Doch. Denn die Softwarefirmen selbst nutzen die Möglichkeiten von KI-gestützter Programmierung rege und verankern diese, wie z.B. im Fall von Shopify, tief in ihrer Firmenkultur.

Während der Abschied vom Abomodell die Software-Nutzung flexibler macht, wird die Entwicklung von Software dank «Vibe-Coding» schneller und günstiger. Beides heizt den Wettbewerb innerhalb der Softwareindustrie an. Und weil sich Investor*innen vor erodierenden Margen fürchten, ist auch das Börsentief nachvollziehbar. Wobei der Effekt mittelfristig durch eine neue, KI-getriebene Digitalisierungswelle wieder aufgehoben werden könnte.

Auswirkungen auf Ihre Software-Strategie

Was bedeuten diese Entwicklungen für Sie als Händler? Zusammenfasst sehen wir folgende Auswirkungen auf Ihre Software-Strategie:

  • Ein verstärkter Wettbewerb unter SaaS-Anbietern heisst für Sie in erster Linie mehr Verhandlungsmacht: Nutzen Sie den Wechsel auf neue Bezahlmodelle, um ihre Verträge neu auszuhandeln. Machen Sie sich mit den Möglichkeiten von KI vertraut und setzen Sie dieses Wissen gezielt in Verhandlungen ein.
  • Die rasanten Entwicklungen durch KI werden die Investitionszyklen weiter verkürzen. Nutzen Sie die Dynamik, um Prozesse zu automatisieren und neue Geschäftsfelder zu erschliessen. Vermeiden Sie jedoch Investitionen in monolithische Systeme, bei denen Sie erst nach Jahren einen positiven Return-on-Investment erwarten können.
  • Testen Sie den sicheren Einsatz von KI-Agenten zur Datenanalyse und Datensuche in Ihren eigenen Systemen. In einem nächsten Schritt können Sie das Automatisieren von Aufgaben prüfen. Der Produktivitätsgewinn durch KI ermöglicht es Firmen bereits heute, die Zahl der bezahlten Softwarelizenzen zu reduzieren.
  • Setzen Sie auf Softwareunternehmen, welche eine klare KI-Strategie haben und nicht versuchen, an der alten Welt festzuhalten.
  • Vermeiden Sie allzu grosse Abhängigkeiten von KI-getriebenen Herausforderern (z.B. OpenAI, Anthropic, etc.), da diese am meisten vom Platzen einer allfälligen Investitionsblase im KI-Bereich betroffen wären.

Der Crash als Chance für SaaS-Kunden

Der massive Börsencrash bei SaaS-Unternehmen zeigt, dass «Agentic Workflows» und «Vibe Coding» den Status reiner Silicon-Valley-Buzzwords verloren und sich als begründete Sorgen von Investor*innen materialisiert haben. Wir glauben nicht, dass dies das Ende der Software-Industrie einläutet. Viel mehr werden diese Trends die Software-Industrie von innen dynamisieren und das klassische SaaS-Geschäftsmodell umkrempeln.

Für Onlinehändler ist es eine Chance, ihre Systemarchitektur zu überdenken, Alternativen zu prüfen und Gebührenmodelle neu zu verhandeln. Bei Bedarf unterstützen wir Sie gerne bei der Evaluation Ihrer Systeme und beim Erarbeiten einer massgeschneiderten KI-Strategie für Ihr Unternehmen.

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