Die Produktsuche verändert sich grundlegend: Statt sich durch endlose Trefferlisten zu klicken, fragen immer mehr Menschen direkt KI-Systeme wie ChatGPT nach Empfehlungen – und erhalten sofort passende Antworten. Was bedeutet das für Marken und ihre Sichtbarkeit? Am Beispiel des E-Bike-Anbieters Miloo zeigt dieser Gastblogbeitrag von Sophie Hundertmark, warum nicht mehr Keywords, sondern Klarheit, Relevanz und Kontext über Erfolg entscheiden – und warum gerade auch Nischenanbieter jetzt grosse Chancen haben.

Über die Autorin: Sophie Hundertmark ist Expertin für Generative AI, Chatbots und digitale Assistenten wie ChatGPT mit umfangreicher Praxis- und Forschungserfahrung. Sie berät internationale Unternehmen, Gesundheitsorganisationen und NGOs beim Einsatz und der Optimierung von KI-Anwendungen. Zudem ist sie gefragte Keynote-Speakerin und Workshop-Moderatorin. Als Forscherin und Dozentin an der Hochschule Luzern verbindet sie Wissenschaft und Praxis. Ihr Ziel ist es, Wissen über einen verantwortungsvollen, nachhaltigen Umgang mit KI zu vermitteln und kritisches Denken sowie Transparenz zu fördern. Neben ihrer Beratungstätigkeit engagiert sie sich in Beiräten und Vorständen innovativer Unternehmen. www.sophiehundertmark.com
Die Art und Weise, wie Menschen nach Produkten suchen, verändert sich derzeit grundlegend. Während Suchmaschinen über viele Jahre der erste und selbstverständliche Einstiegspunkt waren, rückt nun eine neue Form der Produktsuche in den Vordergrund: Die dialogbasierte Suche über KI-Systeme, wie ChatGPT oder Perplexity.
Ein persönliches, aber typisches Beispiel:
Ich wollte ein sehr leichtes E-Bike, das gleichzeitig bis zu 45 km/h fährt. Statt Google zu öffnen und mich durch Vergleichsportale, Testberichte und Shops zu klicken, habe ich direkt ChatGPT gefragt. In der Antwort tauchte unter anderem ein E-Bike von Miloo auf. Ohne Werbung, ohne Vergleichsportal, ohne klassische Trefferliste. Und 1 Stunde später hatte ich das E-Bike schon bestellt ohne mich durch lange Trefferlisten von Google zu klicken. Dieses Erlebnis ist kein Einzelfall, sondern steht exemplarisch für ein neues Suchverhalten, das insbesondere im E-Commerce zunehmend relevant wird.
Vom Keyword zur Fragestellung: Wie sich Produktsuche verschiebt
Früher folgte Produktsuche dem bekannten Muster: Eine Suchanfrage wurde als Stichwortkombination formuliert, Suchergebnisse verglichen, Webseiten geöffnet und schrittweise Informationen gesammelt. Dieses Vorgehen erforderte Zeit, Erfahrung und oft mehrere Iterationen.
KI-gestützte Systeme, wie ChatGPT oder auch die Google KI-Suche verändern diesen Prozess. Statt einzelner Keywords werden ganze Bedürfnisse formuliert. Die Suche wird zu einem Gespräch, in dem nicht nur Produkte genannt, sondern eingeordnet, verglichen und kontextualisiert werden. Nutzer*innen erwarten keine Trefferliste mehr, sondern eine verständliche und auf sie zugeschnittene Antwort.
Damit verschiebt sich auch die Frage der Sichtbarkeit. Es geht nicht mehr primär darum, für möglichst viele Suchbegriffe gefunden zu werden, sondern darum, im richtigen Kontext als passende Lösung aufzutauchen.
Was wir von einem Nischenanbieter, wie Miloo lernen
Miloo ist kein etablierter Massenanbieter im E-Bike-Markt, sondern ein vergleichsweise junges Unternehmen. Als Newcomer verfügt Miloo weder über grosse Marketingbudgets noch über breit angelegte Online- oder Offline-Kampagnen. Klassische Performance-Werbung oder flächendeckende Markenbekanntheit sind für das noch kleine Unternehmen keine Option.
Stattdessen konzentriert sich das Unternehmen auf ein klares Produktverständnis und setzt darauf, dass auch die KI-Systeme dieses verstehen. Miloo bietet hochwertige E-Bikes, die aussergewöhnlich leicht sind und gleichzeitig hohe Geschwindigkeiten bis 45 km/h ermöglichen. Diese Kombination ist keine Massenanforderung, spricht aber eine sehr konkrete Zielgruppe an.
Und genau diese klare Positionierung ist im KI-Kontext entscheidend und macht es auch für Nischenanbieter möglich, sichtbar bzw. gefunden zu werden. KI-Systeme wie ChatGPT empfehlen nicht automatisch die bekanntesten Marken, sondern solche, deren Eigenschaften gut zu einer beschriebenen Anforderung passen.
Was mit AI-Sichtbarkeit eigentlich gemeint ist
AI-Sichtbarkeit beschreibt, wie gut ein Unternehmen, eine Marke oder ein Produkt in KI-basierten Antwortsystemen präsent ist. Anders als bei klassischer Werbung oder Suchmaschinenoptimierung geht es dabei nicht um Anzeigenplätze oder Rankingpositionen, sondern um Verständlichkeit, Einordnung und Relevanz.
KI-Systeme greifen auf öffentlich verfügbare Informationen zurück und versuchen, diese logisch zu verknüpfen. Sichtbar wird, was gut beschrieben, konsistent eingeordnet und aus unterschiedlichen Quellen nachvollziehbar bestätigt wird. Das bedeutet: AI-Sichtbarkeit ist kein isolierter Marketingkanal, sondern das Ergebnis mehrerer ineinandergreifender Faktoren.
Drei Tipps für die eigene AI-Sichtbarkeit
- Technische Grundlagen bleiben die Voraussetzung
Auch im KI-Zeitalter beginnt Sichtbarkeit mit soliden technischen Grundlagen. Webseiten müssen strukturiert, zugänglich und klar aufgebaut sein. Produktinformationen sollten eindeutig formuliert und konsistent verwendet werden. Begriffe, Leistungsmerkmale und Kategorien müssen logisch zusammenpassen. Was früher primär für Suchmaschinen relevant war, bildet heute die Basis dafür, dass ChatGPT und Co. Inhalte korrekt erfassen und weiterverarbeiten können. Ohne diese Grundlage wird ein Produkt kaum zuverlässig in KI-Antworten auftauchen.
- Content als Erklärung, nicht als Verkaufsargument
Ein zentraler Unterschied zur klassischen Marketinglogik liegt im Content selbst. KI-Systeme bevorzugen Inhalte, die erklären statt zu werben. Je klarer beschrieben wird, für wen ein Produkt geeignet ist, welche Probleme es löst und worin seine Besonderheiten liegen, desto einfacher lässt es sich in einen passenden Kontext einordnen. Im Fall von Miloo sind das etwa Aspekte wie geringes Gewicht, hohe Geschwindigkeit und spezifische Einsatzszenarien im Alltag. Solche Informationen helfen nicht nur potenziellen Käufer*innen bei der Entscheidung, sondern ermöglichen es auch KI-Systemen, das Produkt bei passenden Fragen vorzuschlagen.
- Externe Erwähnungen als Vertrauenssignale
Neben der eigenen Website spielen externe Signale eine wichtige Rolle. Rezensionen, redaktionelle Beiträge, Fachartikel oder Erwähnungen in thematisch passenden Kontexten tragen dazu bei, ein Gesamtbild zu formen. KI-Systeme berücksichtigen diesen öffentlichen Resonanzraum, um Aussagen einzuordnen und abzusichern. Für kleinere Anbieter bedeutet das nicht, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern gezielt dort präsent zu sein, wo die eigene Positionierung verständlich und glaubwürdig vermittelt wird.
Warum AI-Sichtbarkeit gerade für Nischenanbieter Chancen eröffnet
Das Beispiel Miloo zeigt, dass AI-Sichtbarkeit die Spielregeln im E-Commerce verschieben kann. Sichtbarkeit wird weniger eine Frage des Budgets, sondern stärker eine Frage der Klarheit. Nischenanbieter, die ihr Angebot präzise beschreiben und konsistent kommunizieren, können in KI-Antworten neben oder sogar vor etablierten Marken erscheinen. Damit entsteht eine neue Form von Wettbewerb, in der nicht Grösse oder Werbedruck entscheidend sind, sondern Relevanz im richtigen Moment.
Fazit: Sichtbarkeit neu denken
AI-Sichtbarkeit ersetzt weder klassische Suchmaschinenoptimierung noch bestehende Marketingstrategien. Sie ergänzt diese jedoch um eine neue Ebene, in der Bedürfnisse, Kontexte und Erklärungen wichtiger werden als Keywords und bezahlte Ads.
Das Beispiel Miloo macht deutlich, wie sich diese Entwicklung bereits heute auswirkt. Wer früh versteht, wie KI-Systeme Inhalte erfassen, einordnen und weitergeben, kann insbesondere in spezialisierten Märkten neue Sichtbarkeit gewinnen. Und das sogar ohne grosse Werbebudgets.
Kurz-Interview: Wie Miloo AI-Sichtbarkeit konkret umsetzt
Im Gespräch mit Beatrice Gravina, Digital Marketing Executive von Miloo haben wir nachgefragt, wie AI-Sichtbarkeit in der Praxis umgesetzt wird und welche Massnahmen besonders wirkungsvoll sind.
[Carpathia] Was hat Sie dazu motiviert, in die Optimierung von KI-Systemen zu investieren – gab es einen konkreten Auslöser oder ein dringendes Problem?[Beatrice Gravina] Unsere Hauptmotivation war, die Sichtbarkeit unserer Marke in der Schweiz zu erhöhen und mehr Menschen zu erreichen. Wir haben erkannt, dass klassisches SEO allein nicht mehr ausreicht, und deshalb unsere digitale Präsenz überarbeitet.
Heute verändert sich das Suchverhalten rasant durch den Aufstieg von KI-Systemen. Menschen nutzen zunehmend KI-Tools und konversationelle Suchmethoden, um Produkte und Marken zu entdecken. Deshalb haben wir neben klassischem SEO auch AEO (Answer Engine Optimization) integriert, um sicherzustellen, dass unsere Inhalte auch für KI-Systeme strukturiert und verständlich sind.
Unser Ziel ist es, nahe an technologischen Innovationen zu bleiben und sicherzustellen, dass wir in verschiedenen Suchumgebungen sichtbar bleiben – in Suchmaschinen, bei KI-Assistenten und auf Social-Media-Plattformen.
[Carpathia] Welche konkreten Massnahmen oder Veränderungen haben Sie umgesetzt, um für KI-Systeme sichtbarer zu werden – und welche hatten den grössten Effekt?
[BG] Der grösste Schritt war der vollständige Neuaufbau unserer Website und digitalen Architektur. Dabei haben wir an mehreren zentralen Bereichen gearbeitet:
- Erstellung strukturierter und detaillierter Produktseiten
- Verbesserung semantischer Inhalte und FAQs, die echte Nutzerfragen beantworten
- Optimierung des lokalen SEO für die Schweiz und unsere Shop-Standorte
- Sicherstellung von Mehrsprachigkeit und Konsistenz über alle Sprachen hinweg
- Verbesserung der technischen Performance und der mobilen Nutzererfahrung
Eine der wirkungsvollsten Veränderungen war der Fokus auf Klarheit und Struktur der Inhalte. KI-Systeme sind auf gut organisierte Informationen angewiesen – klare Überschriften, Produktbeschreibungen, Meta-Tags und strukturierte Daten verbessern, wie unsere Marke verstanden und referenziert wird.
[Carpathia] Welchen Rat würden Sie heute kleinen Marken geben, die ihre Sichtbarkeit in KI-Systemen mit begrenztem Budget verbessern möchten?
[BG] Der wichtigste Rat ist, die Dinge nicht zu verkomplizieren: Konzentrieren Sie sich zuerst auf eine klare, gut strukturierte Website mit hochwertigen Inhalten, die echte Nutzerfragen beantworten. KI-Systeme bewerten Klarheit, Relevanz und strukturierte Informationen besonders hoch. Denken Sie ausserdem über klassisches SEO hinaus. Überlegen Sie, wie Ihre Inhalte von KI-Systemen verstanden und weiterverwendet werden können – zum Beispiel durch klare Erklärungen, strukturierte FAQs und aussagekräftige Produktinformationen.
















