Die Carpathia-Crew war diese Woche wieder an der K5 Future Retail Conference in Berlin. In diesem Beitrag haben wir unsere persönlichen Take-Aways für unsere Leserschaft kollektiv zusammengetragen.
Die K5 Hypothesen
Traditionell wird die K5 nach dem Auftritt von Jochen Krisch zum State of Online Retail mit den Thesen eröffnet.
«AI first braucht neue Führung», war die These von Karo Junker de Neui, die am meisten Zustimmung («Votes») bekam: KI scheitert in den meisten Unternehmen nicht an den Modellen, sondern an den Menschen, der Kultur, den Strukturen. Mit der Einführung von ChatGPT oder Cursor ist es nicht getan. Unternehmen müssen so gestaltet werden, dass bei jeder Aufgabe KI automatisch mitgedacht wird. Das macht die KI-Adoption zu einer Management-Aufgabe.
Onlinehandels-Urgestein Stefan Wenzel brachte die These «Sales-led Commerce ist am Ende. Die eigentliche Disruption des Handels […]: Demand-led Commerce.» In den vergangenen Jahren wurden wir immer besser im effizienten Verkaufen. Wir perfektionierten das Performance-Marketing, die Funnels, die Checkout-Prozesse und die Conversions. In der neuen Welt werden so viele Produkte in den Markt gedrückt, dass Nachfrage heute das knappste Gut ist. Nachfrage entsteht durch Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit entsteht nicht über reines Performance-Marketing, sondern durch eine starke Identität, Einzigartigkeit und Vertrauen. Und wer eine glaubwürdige Identität aufgebaut hat, gewinnt nicht nur Aufmerksamkeit, sondern schafft langfristige Beziehungen.
Das führt uns zur nächsten Hypothese, die von Kristina Mertens kam: «Die stärkste Differenzierung ist Authentizität». Mit dieser Hypothese nimmt auch sie die Entwicklungen rund um KI auf. In einer Zeit, in der jeder Bilder, Kampagnen, ja sogar Influencer mit KI generieren kann (Stichwort «AI Slop»), muss sich ein Unternehmen die Frage stellen: Wie differenziere ich mich da noch? Erfolgreiche Unternehmen sind nicht die mit dem meisten Hochglanz-Content. Erfolgreiche Unternehmen haben Persönlichkeit, Ecken und Kanten und sind authentisch.

Ohne Kultur kein KI-Impact – Praxisbeispiel von DF Automotive
Eine erfrischenden Masterclasses kam von Florian Warnken (CIO) und Tanja Kaminski (Organisation & People Development) von DF Automotive. Ihre zentrale These: Viele Unternehmen führen KI als Technologie ein – überlegen sich aber viel zu wenig, welchen Einfluss KI auf Führung, Zusammenarbeit und Unternehmenskultur hat.
Denn was bleibt eigentlich noch unsere Aufgabe – insbesondere für Führungspositionen – wenn KI immer mehr Tätigkeiten übernimmt? Die Antwort von DF Automotive war klar: Verantwortung, Beziehung und Urteilsvermögen. KI nimmt uns Arbeit ab und schafft damit Raum für bessere Führung.
Generell wurde an der K5 in vielen Vorträgen deutlich, dass KI bei vielen aktuell noch eher Technostress als Entlastung auslöst. Viele haben das Gefühl, sie müssten KI noch besser verstehen, noch mehr Tools kennen und noch schneller werden. Statt Stress abzubauen, erzeugt KI im Moment bei vielen zusätzlichen Druck. Umso wichtiger ist psychologische Sicherheit: Mitarbeitende müssen Fragen stellen dürfen, Neues ausprobieren und auch Fehler machen können, ohne Angst vor negativen Konsequenzen zu haben.

Wie macht das DF Automotive jetzt aber konkret? Das Unternehmen hat als Grundlage sechs Dimensionen, welche die Säulen ihrer (KI-)Transformation bilden. Wir haben drei konkrete Beispiele mitgenommen:
- Kultur: Der wohl am meisten unterschätzte Hebel. Neben dem Fokus auf psychologische Sicherheit setzt DF Automotive auf ein KI-Anwenderteam mit Key Usern, die gemeinsam Erfahrungen sammeln und ihr Wissen untereinander weitergeben. Das Prinzip lautet: voneinander lernen statt Top-down-Schulungen. Die Key User werden so zu Multiplikatoren im ganzen Unternehmen.
- Kompetenz: KI-Hackathons. Kolleginnen und Kollegen aus den Fachbereichen arbeiten gemeinsam an echten Herausforderungen. Morgens kommen sie mit einem Problem, am Nachmittag gehen sie mit einem funktionierenden, automatisierten KI-Workflow nach Hause.
- Daten & Governance: Statt von Governance spricht DF Automotive lieber von einem KI-Playbook. Das klingt nicht nur sympathischer, sondern verfolgt auch einen anderen Ansatz: weniger Verbote, mehr Orientierung bzw. schon fast eine Einladung zum Spielen. Im Playbook stehen deshalb deutlich mehr Dos als Don’ts.
Key Take-Away aus dieser Session: Der eigentliche Gewinn von KI besteht darin, die gewonnene Zeit in das zu investieren, was KI nicht ersetzen kann – Beziehungen, Gespräche und gute Führung.
Status Quo E-Grocery 2026: Ist die Goldgräberstimmung vorbei?
Beim Deep-Dive von Branchenexperte Matthias Schu wurde schnell klar: Nein, die Goldgräberstimmung ist keineswegs vorbei, aber sie hat sich gewandelt. Zwar bewegt sich der E-Food-Anteil in Deutschland weiterhin im Schnitt erst bei rund 3.6%, doch der Markt zeigt sich extrem fragmentiert. Während urbane Hotspots wie Berlin bereits 10 bis 15% Marktanteil verzeichnen, bleiben abseits der Grossstädte grosse «weisse Flecken» auf der Landkarte.
Der Grund für die Zurückhaltung in ländlichen Regionen ist der wohl bekannteste Flaschenhals der Branche: Die teure letzte Meile. Sie verursacht nach wie vor fast 40% der Gesamtkosten. Wer dieses Problem in den Griff bekommt, sichert sich laut Schu heute den entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Passend dazu wurden im Deep-Dive thermische Boxen, wie die des Isolierspezialisten va-Q-tec, als kostensparender Lösungsansatz vorgestellt. Sie zeigen, wie Unternehmen die Kühlkette auf den letzten Kilometern ganz ohne teure Spezialfahrzeuge sichern und so die Logistikkosten senken können.
Eine weitere kritische Dynamik zeigt sich laut Schu beim Problem des teuren Flotten-Leerlaufs in den klassischen Randzeiten. Um die Lücken zwischen den Mittags- und Abendspitzen effizient zu minimieren, transformieren sich weiterhin immer mehr Food-Delivery-Plattformen zu universellen Logistikern, wobei die bestehende Infrastruktur flexibler genutzt wird, um die Auslastung über den gesamten Tag hinweg zu sichern.
Wie eine solche Symbiose in der Praxis funktionieren kann, veranschaulicht die jüngst erweiterte Kooperation von Billa und Foodora in Wien. Über gemeinsame Delivery Stores schlagen die beiden Partner eine erfolgreiche Brücke zwischen stationärem Sortiment und effizienter Quick-Commerce-Infrastruktur. Das Modell fängt nicht nur die logistischen Leerzeiten der Rider ab, sondern ermöglicht der Kundschaft, auch weit nach Feierabend und flexibel bis um 22:00 Uhr Lebensmittel nach Hause bestellen zu können.
Polarisierung im B2B-Commerce: Der Graben zwischen B2B-Dinos und KI-Turbos wird immer tiefer
Der B2B-Commerce fand im Rahmen der K5 einen prominenten Platz dank der B2BEST Stage des ECC Köln. Präsentiert wurde das neuste B2BEST-Baromenter sowie zahlreiche Case Studies, welche die unterschiedlichsten Stufen und Wege der digitalen Transformation im B2B-Commerce aufzeigten. Dabei zeigte sich, dass sich einerseits die Schere zwischen digitalen Vorreitern und Nachzüglern weiter öffnet. Gleichzeitig eröffnet KI jedoch auch Potenziale für «B2B-Dinosaurier», um Stufen zu überspringen und direkt in der digitalen Zukunft Fuss zu fassen:
- Laut dem B2BEST-Baromenter haben 61% der Befragten B2B-Commerce-Unternehmen im letzten Halbjahr in KI investiert. Damit ist KI das meistgenannte Investitionsthema. Gleichzeitig haben damit jedoch 39% nicht in KI investiert.
- Ein beeindruckender Transformations-Case hat der Reinigungs- und Hygienematerial-Händler GVS zusammen mit der Agentur Unic präsentiert: Um ihr monolithisches Commerce-System abzulösen, mussten sie nicht nur die komplette IT-Architektur neu gestalten, sondern auch die Firmenkultur überdenken: Weg von der produktgetriebenen Kataloghändler-Mentalität hin zur kundenzentrierten Entwicklung von MVPs. Dabei hat die enge Partnerschaft mit der Agentur geholfen, welche weit über die Implementierung der neuen Systeme hinaus geht.
- Gleich eine Etappe der Digitalisierung überspringen konnte die STEIN HGS Gruppe – ein Anbieter für Verkehrstechnik und Baustellenbedarf. Statt viel in die EDI-Anbindung der Lieferanten zu investieren, nutzten sie KI, um die Auftragsbestätigungen aus den unterschiedlichen Lieferantensystemen zu digitalisieren und direkt ins eigene System zu integrieren. Ähnliche Digitalisierungssprünge sind nun dank KI auch bei den verbreiteten E-Mail-Bestellungen möglich.
- Am anderen Ende des Spektrums präsentierte Emporix sein B2B-Kundenportal mit pro Kunde massgeschneiderten KI-Workflows für die Rollenverwaltung, Gerätewartung, IoT-Anbindungen und allem, was sich ein B2B-Händler so erträumen könnte. Zwischen den Zeilen wurde aber auch klar, dass der Commerce-Tech-Anbieter eher auf die Giganten in der Branche abzielt.
Fazit: Die neuen Möglichkeiten sind auch im B2B-Commerce ein grosses Thema. Sie bergen jedoch ein beachtliches Stresspotenzial, da B2B-Unternehmen häufig noch in zähen Transformationsprozessen feststecken. Die Wendigsten nutzen KI um mit einem Schritt gleich mehrere Stufen zu überwinden.
Übrigens: Die Schweizer Handelskonferenz SCORE! bietet auch dieses Jahr stark reduzierte Ticketpreise: Verpassen Sie diese Chance nicht und sichern Sie sich ab dem 18. Juli Ihr Ticket zum Early-Bird-Preis.


















Nach +20 Jahren digitaler Transformation immer noch zu lesen (diesesmal im KI Umfeld), dass die Transformation kein reines Technik Projekt, sondern auch ein Kultur- und Organisationsprojekt mit Anforderungen an die Führung ist, zeigt wahrscheinlich, warum viele Unternehmen immer noch in der „Nichts-Verändern-Schlaufe“ stecken. Transformation ist, wenn wir unser Verhalten ändern, nicht nur neue Technik einführen. Und genau da tut es weh.