TWINTs wahrer Wert oder das Bankkonto wird endlich online «handlungsfähig»

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Unsere Einschätzung zur Mobile-Paymentlösung TWINT der Schweizer Banken und Postfinance vor einigen Monaten gehört zu den kontroverser diskutierten Beiträgen weit über unseren Blog hinaus (Aus TWINT wird TLOST). Gleichzeitig gehört er auch zu den am meisten beachteten und gelesenen mit nahezu Zehntausend Ansichten.

Wenn man sich TWINT mal etwas genauer anschaut, dann offenbaren sich da doch einige Potentiale. Diese sind jedoch weniger in den Services zu finden, die heute im Zentrum stehen.

Dass sich eine Mobile-Payment Lösung am POS alleine nur für die Schweiz durchsetzt, ist wenig wahrscheinlich, wenn gleichzeitig internationale Player von Apple über Samsung bis Google oder auch Paypal oder Alibaba denselben Markt bearbeiten.

Das Peer-to-Peer Payment funktioniert zwar einwandfrei und erfreut sich auch einer hohen Beliebheit. Doch was, wenn WhatsApp, Facebook mit dem Messenger oder auch Google P2P Möglichkeiten bieten? Auch dann wird die Luft dünn für TWINT.

Und auch die Zahlungsmöglichkeiten mit TWINT im E-Commerce sind mehr Nice-to-Have als ein Must. Heute findet man die Option zwar in zahlreichen Onlineshops, doch der Anteil bewegt sich im Promille-Bereich rsp. ein Bruchteil der Zahlungen mit der Postcard, und dieser ist laut der VSV/GfK Statistik rund 1%.

Wo kann also der wahre Wert von TWINT liegen?

Dazu sollte man sich mal die Zahlungsstrukturen im Schweizer E-Commerce heute wie auch die internationalen Payment-Lösunsgen etwas genauer anschauen.

Mobile Payment via Kreditkarten

Alle heute verbreiteten internationalen Mobile Paymentlösungen setzen auf die Kreditkarten als Transaktionsmittel. D.h. die Hardware ermöglicht die Zahlung beispielsweise am POS über NFC, Bluetooth oder anderen Übertragsungsarten. Dasselbe gilt für die Softwarelösungen wie Paypal, AmazonPay uva.

Da bislang weder Google, Apple noch Facebook & Co. eine eigene Bank sind noch internationale Zahlungen direkt verarbeiten können, sind die Kreditkarten nach wie vor die Mittler oder Steigbügelhalter. Kaum eine der heutigen Lösungen – mit Ausnahme einiger Wallet-Konzepte – kommt ohne die Anbindung von Kreditkarten aus. Damit verbunden auch die entsprechenden Transaktions-Gebühren für die Händler, Hotels etc.

E-Commerce mit hohem Rechnungsanteil und ohne Maestro

Im Schweizer B2C-Onlinehandel mit Waren erfreut sich die Rechnung nach wie vor mit über 80% Anteil grosser Beliebtheit. Die Kreditkarte wird nochmals bei 15% der Transaktionen eingesetzt. Den Rest teilen Nachnahme/Vorauskasse (4%) und Postcard (1%).

Meastro (im Volksmund immer noch als EC-Karte bekannt) sucht man nach wie vor vergeblich im E-Commerce. Ganz anders im stationären Handel, wo Maestro eine der beliebtesten Zahlungsarten darstellt.

Warum zahlen Konsumenten wohl so gerne mit Maestro stationär rsp. Rechnung online?

Eine These für online ist klar, dass die Rechnung ein grosses Vertrauenselement darstellt. Ein Händler geht in Vorleistung und stellt dem Kunden Ware zu ohne, dass dieser vorab die Zahlung auslösen muss.

Aus Kundensicht hat dies einerseits mit Vetrauen zu tun, anderseits auch mit Kontrolle. Einerseits, ob die Ware effektiv kommt und dem entspricht, was angeboten wurde. Zum anderen auch, um den Zahlungsstrom kontrollieren zu können bei Retouren, wo bei Vorabzahlung via Kreditkarte, Vorauskasse etc. die Rückerstattung geprüft werden muss.

Eine weitere These kann sein, dass bei Zahlung gegen Rechnung das Budget unter Kontrolle bleibt und bei Bezahlung das Guthaben gleich weg ist. Dasselbe gilt auch bei Meastro Zahlungen am POS.

Allen geschilderten Thesen gemeinsam ist, dass mit Zahlung gegen Rechnung oder Debitkarte (Maestro / Postcard) die oft unliebsame Überraschung am Monatsende ausbleibt, wenn die Kreditkarten-Rechnung kommt.

Die Budgetkontrolle mit Debitkarte oder auch Rechnung scheint gefühlt grösser. Dies gilt vor allem auch bei kleineren Einkommen oder auch bei Jugendlichen, von denen wenige bereits über eine Kreditkarte verfügen, jedoch gerne onlineshoppen.

TWINT als internationale Anbindungsplattform

Mit TWINT scheint es den Banken und Postfinance erstmals gelungen zu sein, einen bei den Kunden akzeptierten Standard geschaffen zu haben und das Bankkonto E-Commerce fähig gemacht zu haben.

Laut Schätzungen ermöglicht TWINT mit den angeschlossenen Banken und der Post den potentiellen Zugang zu 90% der Bankkonto und macht diese damit ohne Umwege fähig für digital Payment.

Oder anders gesagt; der wahre Wert von TWINT liegt mutmasslich nicht in der propagierten Mobile-Payment Lösung sondern der geschaffenen standardisierten Anbindungsplattform des Bankkontos über die Mehrheit der Schweizer Banken hinweg.

Klar, kann man damit Mobile-Payment am POS, im E-Commerce oder auch P2P-Zahlungen auslösen wie TWINT gerade positioniert wird. Aus den bereits erwähnten Gründen sehe ich da drin jedoch keine langfristige Marktchancen.

Kann @TWINT_AG der «Universalstecker zu den Schweizer Bankkonten» für Digital Payment sein? Click To Tweet

Was wäre nun, wenn TWINT quasi als „Universal-Stecker zu den Schweizer Bankkonto“ auch in die internationale Anbieter wie Apple Pay und Co eingebunden würde? Was wäre, wenn via die TWINT-Plattform auch P2P-Zahlungen im Facebook-Messenger erfolgen könnten?

TWINT könnte damit also auch im internationalen Kontext den mutmasslichen Mobile-Payment Marktführern den Zugang zu den Schweizer Bankkonten ermöglichen.

TWINT als Anbindungsplattform oder Universal-Stecker zu den Schweizer Bankkonto für Digital Payment
TWINT als Anbindungsplattform oder Universal-Stecker zu den Schweizer Bankkonto für Digital Payment

Das wäre eine veritable Alternative zu den Kreditkarten und dürfte mutmasslich hohes Potential haben aufgrund der oben angeführten Beweggründe, warum Debitkarten und Rechnung wohl so beliebt sind wegen der gefühlten Budgetkontrolle.

Und es würde Maestro endlich E-Commerce fähig machen rsp. Maestro ausschalten mit dem direkten Durchgriff aufs Bankkonto. Den saftigen Braten gerochen hat auf jeden Fall auch Mastercard die kürzlich die Master-Debitkarte lanciert haben (vgl. auch heutige FAZ). Durchaus aus vergleichbaren Gründen.

Dies würde jedoch auch heissen, TWINT würde nicht mehr oder nicht nur als Mobile-Payment-Lösung am Markt auftreten, sondern sich als Plattform verstehen, die sich nicht scheut, an internationale Mobile-Payment-Dienste anzudocken.

Würde auch heissen, dass der Name TWINT dann nicht mehr omni-präsent ist – ob dazu die Banken und Post bereit sind, die eine millionenschwere Marketing-Kampagne fahren? Und die sich dann selber konkurrenzieren mit Maestro am POS und indirekt mit Master Debit?

Man darf die Entwicklungen nun gespannt beobachten. Ich auf jeden Fall sehe hier den wahren und auch den langfristigeren Wert von TWINT. Als Plattform für Digital Payment und als Zugang zu 90% der Schweizer Bankkonten.


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4 COMMENTS

  1. Da die Twint-Banken vehement internationale Lösungen wie Apple Pay & Co blockieren, scheint der geschilderte Ansatz wenig realistisch.

    • Evtl. eine Frage der Zeit und bis der Druck vom Markt rps. der Kunden genügend grossen ist. Der Ansatz bezieht sich nicht nur auf ApplePay sondern generell auf alle (intl.) Zahlungsmethoden, welche bislang idR nur die Kreditkarte als Transaktionsmittler hinterlegt hatten.

  2. Der Artikel scheint auf einigen Missverständnissen zu basieren: den standardisierten Zugang zum Bankkonto gibt es schon seit Jahren, zuverlässig betrieben von SIX zur Abwicklung der Debit (Maestro) und Bancomat Transaktionen… Zudem wäre es ein leichtes, bestehende (internationale) Debit Produkte wie Maestro/Debit Mastercard/Vpay zu digitalisieren und so für den Einsatz im Internet und in allen Wallets nutzbar zu machen (es lohnt sich ein Blick nach UK wo alle Debit Karten im Internet funktionieren und in wallets (ApplePay/IoT/ eigene HCE Wallets) hinterlegt werdem können). Ob der CH Weg, mit Twint alles bereits bestehende nochmals zu bauen (und zu betreiben), langfristig finanzierbar, ist werden wir sehen…

    • Danke für den Kommentar. SIX wie auch der standardisierte Zugang sind mir bekannt und ebenso die E-Commerce Fähigkeit von Maestro in UK wie auch mW in einem der Benelux Staaten. Auch in der Schweiz wäre das (technisch) möglich, wenn da nicht die Banken…. naja, Sie wissen schon. Mein Artikel ist primär aus E-Commerce wie auch aus Kundensicht gedacht und die Vorteile, die man da mit wohl verhältnismässig wenig Aufwand realisieren könnte. Zumal ja bereits der 500’000ste TWINT-User gefeiert wurde und man diesen Kundenzugang in bewährter Plattformanier strategisch geschickt nutzen könnte.

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