Verdirbt MasterCard die NFC-Party oder Debitkarten als psychologisch kritische Erfolgsfaktoren für das mobile Payment

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Vergangene Woche hoben diverse Medien mobile Payment mittels NFC-Technologie auf den Schild. Auslöser war u.a. ein Beitrag der NZZ am Sonntag.

“Sunrise und Swisscom wollen nächstes Jahr das Bezahlen per Handy lancieren. Möglich wird dies, weil Coop, Migros und andere ihre Kartenterminals auf eine neue Technologie umstellen. Diese erlaubt ein rasches Bezahlen ohne PIN-Code und Unterschrift”

Bereits heute ist es so, dass wir eher zurückkehren, wenn wir das Smartphone zu Hause vergessen haben, als das Portemonnaie. Die intelligenten Telefone werden Dreh- & Angelpunkt unseres digitalen Lebens; jeder trägt wenige Hundertgramm Rechenpower auf sich, die früher ganze Räume füllten und als Supercomputer galten und unter anderem für die Raumfahrt eingesetzt wurden.

Smartphone Verbreitung als Wegbereiter für mobile Payment

In der Schweiz haben wir knapp 3 Mio Smartphones, etwa die Hälfte davon sind iPhones gem. einer aktuellen Erhebung von Comparis (PDF-Mitteilung). Damit hat etwa 50% der Bevölkerung ein Smartphone, bei den jungen Erwachsenen sind es gar 80%. Nicht verwunderlich also, dass die Smartphones mittlerweile nicht nur für die Kommunikation eingesetzt werden sondern manigfaltigste Verwendungszwecke haben – so ist u.a. auch der Mobile-Commerce stark am Wachsen in der Schweiz.

Was in Asien schon stark verbreitet ist, soll nun endlich auch in der  Schweiz ankommen. Zahlen via Mobile im stationären Geschäft – das Smartphone wird zum Portemonnaie. Wie eingangs erwähnt, sind die Voraussetzungen gegeben oder deren Schaffung geplant. Smartphones auf der Android Plattform von Google kommen heute fast standardmässig mit NFC an Bord und mich persönlich würde es stark verwundern, wenn die nächste iPhone Generation auf NFC verzichten würde.

Google selber experimentiert schon länger mit einem eigenen mobilen Bezahldienst namens Google Wallet und in der Schweiz sind heute bereits über 3’500 NFC-fähige Bezahlterminals im Einsatz, u.a. bei McDonalds und Valora. Mit dem Einstieg von Coop und der Migros würde deren Anzahl sprunghaft ansteigen und wohl die kritische Grösse erreichen für eine flächendeckende Einführung von NFC-Payment.

Debitkarten via NFC-Smartphone möglich?

Anders als bei früheren mobile Payment Versuchen wollen die Telcos nicht mehr als Inkasso-Stellen agieren. Diesen Part sollen traditionelle Payment-Anbieter übernehmen, wie auch Telco Experte Ralf Beyeler kürzlich auf Twitter einschätzte.

Nun stellt sich die Frage, ob das Payment via NFC-Smartphone ähnlich gehandhabt wird wie der Distanzkauf im Internet, also dem E-Commerce. Oder ob es dem Präsenzgeschäft zugerechnet wird, obwohl keine physische Karte im Einsatz ist und die Technologie mutmasslich auch für Payment via Mobile-Commerce (Distanzgeschäft) eingesetzt werden kann – dies nicht vorzusehen, wäre eine strategische Fehleinschätzung!

Für mich stellt der Einsatz von Debitkarten einen zentralen kritischen Erfolgsfaktor für mobile Payment am POS dar. Anders als bei der Kreditkarte erfolgt bei der Debitkarte die Belastung auf dem Konto unmittelbar nach der Transaktion. Der Kunde hat also die psychologisch wichtige Kontrollgewalt über seine Ausgaben und wird nicht überrascht, wenn Ende Monat die Abrechnung der Kreditkarte kommt und die Transaktionen aufsummiert. Insbesondere für Alltags-Transaktionen und Klein-Beträge wird heute vornehmlich die Debitkarte eingesetzt und nicht die Kreditkarte – wohl auch aus genanntem Grunde.

Gretchenfrage; ist NFC-Payment Distanz- oder Präsenzgeschäft

Was aber nun, wenn die Kreditkarten-Firmen für das Settling von NFC-Smartphone Payments zuständig sind? Haben wir dann die selbe Situation wie im E-Commerce? Denn dort kennen wir nur die Postfinance Card als Debitkarte.

Die in der Schweiz ebenso flächendeckend (und gefühlt gar verbreiteter) verfügbare Maestro-Karte (umgangssprachlich immer noch EC-Karte genannt) ist im E-Commerce nicht einsetzbar.

Dies weniger aus technischen Gründen sondern vielmehr, da Maestro zu MasterCard  International gehört. Und MasterCard wenig Interesse am Einsatz von Maestro im Distanzhandel hat und vielmehr die eigene Kreditkarte mit den fetteren interessanteren Gebühren forciert. Oder anders gesagt, aus wirtschaftlichen Interessen nicht freigibt.

Der Einsatz von Debitkarten, neben Postfinance natürlich Maestro, bei NFC-Smartphone Payment ist jedoch psychologisch erfolgskritisch für die Nutzer.

Der Anwender muss die Wahl haben, wie er was zu zahlen gedenkt. Stehen nur Kreditkarten zur Verfügung, wird er die neue Technologie wohl nur zurückhaltend einsetzen.

Es ist daher zu hoffen, dass NFC mit Maestro an den Start geht in der Schweiz – ansonsten würde sich MasterCard wohl wirklich als Spielverderber zeigen.

Ergänzung:

Eine weitere Einschätzung der neuen Zahlungsmöglichkeiten von Prof. Dr. Andrea Back von der Universtität St. Gallen.



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Thomas Lang, Betriebsökonom und Wirtschaftsinformatiker, unterstützt Unternehmen bei der Strategieentwicklung von digitalen Vertriebsmodellen, beim Aufbau von digitalen Geschäftsmodellen, bei Expertisen rund um Onlinehandel und der operativen Umsetzung im Bereich Organisation, Prozesse, Innovation, Change-Management und Unternehmenskultur. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Carpathia AG, der unabhängigen und neutralen Unternehmensberatung für Digital-Business, E-Commerce und Digitale Transformation im Handel. Zudem ist er Autor von zahlreichen Fachartikeln und -studien, Dozent für Online-Vertriebsmodelle an verschiedenen Hochschulen sowie gefragter Keynote-Speaker zu E-Commerce und Digital Transformation im Handel. Er ist Initiator und Organisator der Connect - Digital Commerce Conference sowie des Digital Commerce Awards. Der von ihm gegründete Carpathia Digital-Business-Blog (https://blog.carpathia.ch) zählt im deutsch-sprachigen Raum zu den wichtigsten unabhängigen Publikationen im Digitalen Handel. Medien bezeichnen ihn als digitalen Vordenker, zitieren und interviewen ihn regelmässig .

6 KOMMENTARE

  1. Ich für meinen Teil kann noch nicht ganz verstehen, warum sich MasterCard so dagegen streubt – ein Schritt in Richgung Zukunft kann doch nicht verkehrt sein?

  2. Ich unterstütze die These von Thomas Lang zu 100%. Der Einsatz von Debit (maestro, V PAY und Postfinance Card) ist absolut matchentscheidend bei der flächendeckenden Einführung und v.a. Kundenakzpetanz von NFC. Das Problem liegt aber weniger bei MasterCard als vielmehr bei den heutigen Marktteilnehmern im Issuing-Geschäft. Solange die Schweizer Bankenlandschaft die grossen Kreditkartenherausgeber (Swisscard AECS, UBS Card Center, Viseca/Aduno) mitbesitzen und gleichzeitig das Debitgeschäft direkt dominieren werden sie sich in der Verbreitung neuer Technologien immer zuerst auf das profitablere Produkt (Kredit) konzentrieren. Das ist natürlich und weiter auch nicht zu verachten. Die Lösung liegt einzig in einem wirklichen Wettbewerb im Kredit- wie auch Debitgeschäft mit voneinander unabhängigen Anbietern. Sonst wird die Rechnung einmal mehr ohne den Kunden gemacht…

  3. Google Wallet ist tot. Und bei NFC haben wir ja ein Henne-Ei Problem. Keine Endgeräte keiner der dafür Anwendungen macht => keine Anwendungen warum soll ich dann NFC Endgeräte nchfragen. Und das das iPhone5 auch drauf verzichtet hat macht die Sache nicht einfacher!

  4. Auch heute kann ich noch nicht mit der EC-Karte mittels NFC und Handy bezahlen. Und bei Google Pay braucht es auch eine hinterlegte Kreditkarte. Maestro wird nicht akzeptiert. 🙂 Twint bietet auch kein NFC für Android. Einfach mühsam. Seit 10 Jahren gibt es den “Traktor” und ich muss immer noch von Hand pflügen.

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