Sears: Aufstieg und Fall einer US-Versandhandels und -Retail Ikone

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In der Republik, zu welcher ich mich nebst Tausender anderer als stolzer Verleger zählen darf, hat der geschätze Constantin Seibt die Geschichte des einst grössten Detailhändlers der Welt nachgezeichnet, Sears, eine kapitalistische Weihnachtsgeschichte.

Sears – der einstige grösste Retailer der Welt meldete just zum 125-jährigen Jubiläum Insolvenz an.

Der Longread ist eine absolute Leseempfehlung für die Feiertage. Arbeitet er doch subtil die Anfänge und die Genialität von Richard Sears heraus, der mit feinem Gespür jeweils die Trends erkannte, die Anfänge des Versandhandels manifestierte und damit auch ganz nebenbei das Ende der sozialen oder ökonomischen Sklaverei in den USA ermöglichte.

Denn Sears befreite – ohne je ein einziges politisches Manifest zu schreiben – Millionen von Amerikanern aus der faktischen Sklaverei. (…)

Und Sears erfand nicht nur das eigene Geschäft mehrfach neu – es erfand quasi als Neben­wirkung den amerikanischen Lebensstil, der sich über fast den gesamten Planeten verbreitete.

Sears vollzog die Revolution der Welt mit einer damals völlig neuen Waffe: mit einem Feuerwerk an Geschäftsideen.

Vom Versandhandel – der Sears Katalog mutierte damals zum zweitwichtigsten Buch der USA neben der Bibel – bis hin zu stationären Geschäften. Richard Sears bewies jeweils den absolut richtigen Riecher, wie man mit immer wieder neuen Geschäftsideen und Handelskonzepten die gesellschaftlichen wie auch technologischen Entwicklung nutzen und dabei erst noch viel Geld verdienen konnte.

Doch das viele Geld wurde ihm auch zum Verhängnis – Erfolg macht träge. Und so fand man unter anderem auch nicht mehr den Weg zurück in den Versandhandel, dem heutigen erfolgreichen Onlinehandel. Und just zum 125-jährigen Jubiläum musste Sears Insolvenz anmelden, nachdem es in den vergangenen Jahren stetig bergab ging (vgl. auch US-Detailhändler verlieren massiv an Wert):

Marktkapitalisierung von US-Detailhändlern – Entwicklung 2006-2016 – Quelle: Yahoo Finance via LinkedIn

In den fetten Jahren hatte man Geld, viel Geld. Bloss fehlte es an einem, an Ideen:

Doch die Jahre der Grösse waren zugleich die ersten Jahre des Sterbens. Die Zeit der Erfindungen war vorbei.

Man hatte Geld, Markt­macht, aber keine Ideen mehr. Das Management fummelte herum, kaufte diese und jene Firma, schaffte die Mitarbeiter­beteiligung ab, erwirtschaftete den Grossteil des Gewinns durch die firmen­eigene Kredit­karte.

Der Detail­händler machte den wirklichen Profit nun im Finanzgeschäft.

Parallelen zu heutigen Geschäftsmodellen und Unternehmen sind unweigerlich und offensichtlich. Und selbst ein Jeff Bezos, der nicht müde wird zu betonen, dass Amazon sich immer noch wie ein Startup gebärden soll („still day one„) nimmt Kritikern den Wind aus den Segeln, in dem er unlängst auf die Frage eines Mitarbeiters antwortete, der mehr über die Insolvenz von Firmen wie Sears wissen wollte, dass Amazon nicht ‘too big to fail’ sei. Bezos versprach gar, dass Amazon eines Tages scheitern werde:

Auch Amazon wird insolvent gehen. Wenn ihr euch die großen Unternehmen anschaut, liegt die Lebensdauer bei 30 Jahren plus, nicht bei 100 Jahren plus

Und so war es denn auch mit Sears.

1991 wurde Sears als Markt­führer von Walmart überholt. Und danach verpasste Sears auch die Rückkehr zu seinen Wurzeln als Versand­handel.

1994 gründete ein Mann namens Jeff Bezos eine Buchvertriebs­seite namens Amazon. Mit dem Ziel, das «Sears des 21. Jahrhunderts» zu werden.

Der Rest ist Geschichte und es macht den Anschein, als war das Ende von Sears absehbar. Kernkompetenzen wurden vernachlässigt, Investitionen wurden zurückgefahren und der (stationäre) Kunde regelrecht in die Arme der aufstrebenden Onlinern und stationären Mitbewerbern getrieben:

Dafür fand sich niemand, der einen schnellen Tod der Kette bedauern würde. Denn die Sears-Kaufhäuser bieten niemandem etwas: Seit über zehn Jahren wurde weder ein Dollar in die Renovation der Gebäude noch eine Idee in das Sortiment gesteckt.

Es verspricht weder Luxus noch Tiefpreise. Der Kunden­dienst hat das Tempo und den Charme einer sowjetischen Amtsstube. Selbst die Angestellten hassen ihre Firma: Sears ist in den Top Ten der unbeliebtesten Arbeitgeber der USA.

Kurz: Sears ist eine sterbende, stinkende Hölle der Mittelmässigkeit.

Vor fast auf den Tag genau 7 Jahren haben wir bereits versucht aufzuzeigen, wie disruptiv damals eigentlich schon Konzepte von Pionieren wie Werner Otto, Gottlieb Duttweiler oder eben Richard Sears waren im Vergleich zu heute mit Jeff Bezos & Co., deren Modelle auf Technologien basieren und halt global skalieren: Parallelen heutiger E-Commerce Strategien mit den Anfängen des letzten Jahrhunderts

Constantin Seibts kapitalisistische Weihnachtsgeschichte über den Aufstieg und Niedergang von Sears ist ein absolute Leseempfehlung für die Feiertage.


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