Wie weiter mit dem Elektronikhandel bei Coop? Unsere Grobskizze

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Mit der vor fünf Wochen kommunizierten Schliessung von Microspot ist es der Coop-Gruppe nach dem Aus von siroop im Jahr 2018 zum zweiten Mal nicht gelungen, ein Online Pure Player Warenhaus erfolgreich aufzubauen. Aus Mangel an anderen Mehrwerten haben beide Marken schlussendlich nur noch über tiefe Preise Kundschaft gewonnen, womit langfristig kein profitables Geschäft möglich ist. Coop ist wohl zum Entschluss gekommen, sich zukünftig auf ihre Stärken im Stationären und Multi-Channel-Handel zu fokussieren, wo sie mit den Marken Jumbo, Coop-City und Import-Parfümerie durchaus erfolgreich unterwegs ist. Microspot hat diese Formate mit einer Tiefstpreisstrategie kannibalisiert.

Um nicht nur bei der saloppen Kommentierung eines strategischen Geknorze zu verbleiben, zeichnen wir in diesem Beitrag von der Aussenperspektive eine Grobskizze, wie sich Coop mittelfristig im Bereich Elektronikfachhandel neu positionieren könnte.

Aus bei Microspot – Abschied aus dem Online Pureplay Geschäft

Das Onlinewarenhaus der Coop-Gruppe wird in den nächsten Wochen beerdigt. Das ist offiziell bekannt und die neue Ausgangslage. Die Marke inkl. Showroom und Abholstation am Zürcher HB verschwindet. Dieser Entscheid ist richtungsweisend, da Coop damit Digitec Galaxus bzw. der Migros den Pureplay E-Commerce Markt überlässt. Nettoshop ausgenommen verfügt die Basler Genossenschaft nur noch über Multi-Channel-Formate, womit agile reine Onlineprojekte ohne stationärer Organisations- und Kostenstruktur nicht mehr möglich sind.

Interdiscount – Der Heimelektronikanbieter von Coop

Der Fokus im Bereich Heimelektronik muss nun konsequent auf Interdiscount gelegt werden. Wie von der Geschäftsstelle kommuniziert, würden wir profitable und sortimentsangrenzende Warenhaussortimente prüfen, um diese neu ins Interdiscount-Sortiment zu integrieren. Beim neuen Filialkonzept mit Fokus Beratung und Experience soll der Fokus auf urbane Regionen mit kleineren und mittleren Flächen gelegt werden. Die Zielgruppe ist wenig bis mittel elektronikaffin und schätzt eine persönliche und ehrliche Beratung. Hinzu kommen diejenigen stationären Kunden, die dringend ein Elektronikzubehör benötigen: Beispielsweise ein kabelloser Presenter für die Kundenpräsentation in zwei Stunden.

Grossflächige Filialen in Discounteraufmachung an Peripherielagen, die als Einzelgeschäft keine signifikanten Deckungsbeiträge erwirtschaften, sollten geschlossen werden. Es gibt aktuell über 170 Filialen – das ist zu viel. Wichtigster Mitbewerber ist Mediamarkt, die unter neuer Leitung des CEO Stefan Fraude (Speaker an der SCORE! 2024 -> Jetzt Early-Bird Special Ticket sichern!) und starkem Ex-Digitec-Team ebenfalls eine Omni-Channel-Experience Transformation durchlaufen.

Fust – Fokus auf Haushaltselektrogeräte und Service

Fust ist gross geworden mit Haushaltselektrogeräten und soll sich zukünftig wieder konsequent auf diese fokussieren. In diesem Bereich hat der Anbieter wertvolle Lieferantenbeziehungen und verfügt über eine ausgebaute Serviceorganisation. Zusammen mit den B2B-Unternehmen Service 7000 und Schubiger Haushalt sowie dem Onlinediscounter Nettoshop.ch ist Coop in diesem Segment klarer Marktführer und hat dank modernem Logistikzentrum in Oberbüren die Voraussetzung für einen effizienten Betrieb.

Der Fokussierung auf Elektrohaushaltsgeräte fallen die Sortimentsbereiche „PC / Tablet / Handy“ und „TV / Foto / Gaming“ zum Opfer. Diese Kategorien stehen im direkten Wettbewerb zu Interdiscount und bringen wenig Marge. Der Wegfall reduziert Komplexität und verschlankt die Organisation. Weiter würden wir die Hebel in folgenden Bereichen ansetzen:

  • Flächenreduktion bei den Filialen und Schliessung aller nicht profitablen Filialen
  • Ausbau des Umbau- und Servicegeschäfts mit Nachhaltigkeits-Positionierung
  • Stopp der Provisionierung im Verkauf und ehrliche Beratungsqualität stärken
  • Durchgängig attraktives Preis-Leistungs-Verhältnis
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TVs und Compis im Fust – darauf würden wir zukünftig verzichten, Bild: Aarezentrum-thun

Nettoshop als Pureplayer beibehalten – sofern rentabel

Der Pureplayer für Haushalts- und Küchengeräte wird zum Exot in der Coop-Gruppe. Die Marke mit Preiskampf im Namen und Discounterauftritt wirbt mit Tagestiefstpreis-Garantie und ist bekannt, Weisswaren wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Backofen zu schweizweit tiefsten Preisen an den Mann und die Frau zu bringen. Dank der Fust-Schwester hat der Discounter Zugang zu den begehrten Markenprodukten.

Die Kundschaft ist höchst preissensitiv, digital affin und besteht aus einem Mix aus Privat- und Kleingewerbekunden. Durchaus ein Kontrast zur Coop-DNA, nichtsdestotrotz empfiehlt sich zumindest mittelfristig die Marke beizubehalten. Bei der genannten Zielgruppe im Alter zwischen 30 und 50 Jahren hat die Marke gerade auch dank den sauber integrierten Installationsservices einen guten Ruf und ein letztes rein digitales Commerce-Spielfeld sollte Coop unbedingt beibehalten. Wichtig sind jedoch folgende Aspekte:

  • Volle Ausrichtung auf Effizienz, Automatisierung und Self-Service
  • Eingliederung in Fust-Organisation zur Verhinderung von Doppelspurigkeiten und Koordination von Sortimenten und Promotionen
  • Sortimentsfokus klar auf Elektronikhaushaltsgeräte
  • Intelligente Koordination und Absprache der Sortimente und Preis-Promotionen, um Kannibalisierung zu vermeiden
  • Jeder Verkauf muss einen Deckungsbeitrag abwerfen. Alles andere ist im reifen Marktumfeld sinn- und freudlos.

Was meinen Sie dazu? Wir freuen uns über Ihre Kommentare und Ideen.



2 KOMMENTARE

  1. Ihr hättet auch den Vorschlag mit „Halt Stopp! Das bleibt alles so wie’s hier ist.“ zusammenfassen können. Ich hätte von Carpathia schon ein wenig mehr Mut erwartet. Das Digitecs Wachstum explodiert und Fust, Interdiscount sowie Netto.shop sich weiterhin an den schwächsten Formaten im Mark orientieren (Melectronics & Mediamarkt) wird nicht ausreichend beleuchtet.

    Den Kunden interessieren genau drei Dinge im Retail: Sortimentsvielfalt, Verfügbarkeit und der Preis.
    Wie man bei Digitec gut erkennen kann ist der Preis NICHT das Hauptunterscheidungsmerkmal. Von daher ist wirklich die Frage wie man DREI sich zum Teil überschneidende Konzepte profitabel halten möchte, wenn das Sortiment und die Verfügbarkeit nicht mit der Konkurrenz mithalten kann.

    • Hi Matt, danke für deinen Kommentar. Rein Online ist der Zug schon länger abgefahren, da ist Digitec Galaxus zu stark. Es gibt aber durchaus ein Omni-Channel Markpotential. Dieses ist aber kleiner, sodass Flächenreduktionen nötig werden. Entscheidend ist zudem folgendes:
      – Kompetentes, lösungsorientiertes und freundliches Personal
      – Physische Produkte als Teil einer umfassenden Problemlösung mit wertstiftenden Dienstleistungen betrachten
      – schlanke Organisation und effiziente Prozesse

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