Amazon und die Schweiz; es ist (nicht) kompliziert

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Dass Amazon (Europa) vereinfacht in die Schweiz liefern wird, ist seit einem guten Jahr bekannt. Und Amazon (USA) will wg. der ab 2019 in Kraft tretenden Teilrevision des Schweizer MwSt Gesetzes nicht mehr in die Schweiz liefern, sorgte vergangene Woche vielerorts für Aufregung.

Auf den ersten Blick zwei gegensätzliche Informationen die gerade in den Medien zuhauf für Irritation und Falschinterpretationen führte. Patrick Kessler vom VSV hat es bereits als Amazon Geheul zusammengefasst.

Ein Versuch, für Aufklärung zu sorgen

Eines vorweg; Amazon zieht sich weder aus der Schweiz zurück noch kapituliert Amazon vor Digitec Galaxus & Co., obwohl man sich dies wohl mancherorts wünschen würde. Doch davon war gerade letzte Woche in der Presse immer mal wieder zu lesen. Nun mal der Reihe nach.

Amazon.com als global agierendes und zeitweise bereits wertvollstes Unternehmen der Welt setzt seine Ressourcen sehr bedacht ein und vor allem, ist absolut kundenzentriert agierend  („start with the customer and work backwards„) und will sich nach wie vor wie ein Startup gebärden anstatt wie ein Konzern („still day one„) und gar das Hauptgebäude der Konzernzentrale in Seattle trägt dieselbe Bezeichnung.

Der globale Netto-Umsatz von Amazon betrugt 2017 USD 178 Milliarden (PDF), darin enthalten die Erlöse aus dem Cloud-, Service- und Fulfillment Geschäft wie auch die Handelsumsätze. Sowohl die eigenen wie auch die Provisionen von den Marktplatzumsätzen. Das gesamte Handelsvolumen (GMV) dürfte sich in etwa auf USD 250 Milliarden belaufen.

Warum liefert Amazon.com (USA) nun nicht mehr in die Schweiz?

Offizielle Begründung ist das veränderte MwSt-Gesetz in der Schweiz das per 1.1.2019 in Kraft tritt für internationale Händler, die ab einem Umsatz von CHF 100’000 diesem unterliegen und die Steuer abliefern müssen. Die bisherigen Freigrenzen entfallen.

Wir schätzen den Umsatz für das Jahr 2017 auf ca. CHF 65 Mio, welche die US-Plattform Amazon.com in der Schweiz erzielt hat. Im globalen Vergleich also völlig belanglos und von den geschätzten CHF 750 Mio Umsatz, welche alle Amazon Ländergesellschaften in der Schweiz 2017 zusammen erzielten, ebenfalls weniger als 10%.

Soll sich also ein multinationaler Milliarden-Konzern auch noch mit der Schweizer MwSt Thematik und Abrechnungs-Mechanik für seine US-Plattform mit Milliardenerlösen auseinandersetzen, wenn die in der Schweiz erzielten Umsätze verhältnismässig vernachlässigbar sind (CHF 65 Mio) und mit den europäischen Plattformen über 90% der Amazon Umsätze in der Schweiz generiert werden?

Der Entscheid, aus den USA von amazon.com nicht mehr in die Schweiz zu liefern, ist daher nachvollziehbar und heisst keinesfalls, dass sich Amazon generell aus der Schweiz zurückzieht!

Es heisst lediglich, dass nicht mehr an Schweizer Lieferadressen geliefert wird aus den USA. Schweizer Kunden, die nach wie vor aus dem rund 400 Millionen Artikel umfassenden US-Sortiment kaufen möchten, weichen auf eine Lieferadresse ausserhalb der Schweiz aus.

Wie stark sind die europäischen Amazon Plattformen?

Das Sortiment von Amazon.de (Deutschland) wird auf ca. 300 Mio Artikel geschätzt und ist damit immer noch rund 100-Mal grösser als Digitec Galaxus. Schweizer Konsumenten kauften 2017 Waren bei den europäischen Plattformen in folgenden geschätzten Werten ein:

  • CHF 575 Mio. Amazon.de
  • CHF  75 Mio. Amazon.fr
  • CHF  35 Mio. Amazon.it

Damit entfallen mehr als 90% der aus der Schweiz generierten Amazon-Umsätze alleine auf diese drei Ländergesellschaften. Und diese werden erwartungsgemäss die MwSt konform abrechnen und über das vereinfachte digitale Verzollungsverfahren der Post Schweizer Kunden wie Schweizer Händler beliefern. In etwa so, wie dies bei LaRedoute, Zalando oder den Versandhändlern der deutschen Otto-Gruppe seit vielen Jahren der Fall ist.

Wann kommt Amazon.ch?

Ich erwarte, dass wir noch länger kein Amazon.ch sehen werden. Einerseits, weil eine eigene Plattform für die Schweiz komplex ist (Sprachen, Anforderungen an Preisbekanntgabe, MwSt usw.).

Anderseits, weil der Schweizer Markt problemlos alleine über die drei Ländergesellschaften der drei Sprachregionen effizient bedient werden kann und Amazon konsolidiert Umsätze in der Region von Digitec zusammen mit Galaxus erzielt.

Eine Abwägung zwischen Aufwand und Zusatzpotentiale spricht gegen eine Amazon.ch Plattform, auf jeden Fall für mich. Und Zalando zeigt, dass man zum grössten Schweizer Modehändler werden kann ohne einen eigenen Mitarbeiter in der Schweiz.

Daher gehe ich auch nicht davon aus, dass wir in den nächsten 1-2 Jahren Amazon Gesellschaften oder Infrastruktur (zB Logistikzentren) in der Schweiz sehen werden. Zu hoch sind die Betriebskosten. Und so lange Amazon den Schweizer Markt von der anderen Seite vom Rhein oder der Rhone bedienen kann und Marktanteile gewinnt, gibt es wenige Gründe dazu.

Einziger Grund kann sein, wenn die Erwartungshaltung an Lieferzeiten in der Schweiz stark ansteigt und eine Zustellung innert weniger Stunden zum Standard wird. Dann erst wird es für Amazon unumgänglich sein, auch mit Fulfillment-Infrastruktur in der Schweiz präsent zu werden, um näher und damit schneller am Kunden zu sein.

Die Amazon Paketwelle rollt an

Nebst dem ganzen „Geheul“ rund um Amazon und dem vermeintlichen Rückzug aus der Schweiz – das dem nicht so ist, hoffe ich mit diesem Beitrag ein für allemal geklärt zu haben – haben die wenigsten bemerkt, dass offensichtlich die digitalen Verzollungsprozesse der Post für Amazon Lieferungen hochgefahren werden.

Nach uns vorliegenden Informationen kommen seit einigen Wochen erhöhte Volumen von Amazon-Paketen aus Italien (Piacenza) und teilweise auch aus Deutschland (Köln) in die Schweiz, die wohl über das neue Zollverfahren der Post abgewickelt werden. Sie tragen offizielle Paketnummern der Schweizer Post und erlauben auch ein Track + Trace.

Damit steigt auch die Attraktivität gerade für Schweizer Hersteller und Brands, Amazon für die Präsenz im Schweizer Onlinehandel zu nutzen und gleichzeitig die Reichweite in den europäischen oder internationalen Märkten zu steigern. Hierzu verweisen wir gerne auf den Amazon Competence Hub, den wir zusammen mit factor-a in der Schweiz betreiben.



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9 KOMMENTARE

  1. Vielen Dank für die stets interessanten Artikel.

    Eine Bitte habe ich vor allem an die Deutschen in der Schweiz.
    Bitte hört endlich auf, MwSt. zu schreiben. Das ist ja fürchterlich. Hier bei uns in der Schweiz schreiben wir MWST, ganz offiziell. Das erfordert weniger „Fingerakrobatik“. Wer es nicht glaubt, kann hier auf der offiziellen Seite des Bundes nachsehen:
    https://www.estv.admin.ch/estv/de/home/mehrwertsteuer.html
    Hier wird alles MWST geschrieben.

    Danke und macht euch doch das Leben auch etwas leichter. ;-))

    • Herr Eugster, es ist immer wieder wunderbar und sehr erfrischend auf Leute zu stoßen, die scheinbar unbeschwert und ohne Probleme durch das Leben gehen dürfen und sich dann den wirklich wichtigen Dingen wie zum Beispiel der Gross- oder Kleinschreibung der MWST. widmen dürfen. Find ich super. Werde mir das ganz gewiss zu Herzen nehmen. Vielen Dank.

    • MwSt ist doch optisch viel viel schöner ujnd auch leichter erfaßbar und lesbar.

      MWST muß man sogar 4x die Hochstelltaste bedienen statt 2x.
      Also ist MwSt viel einfacher zu schreiben.

      Und sonst: Schön, daß es Leute gibt, die sich an den wichtigen Dingen im Leben stören : – )

  2. Danke für den Beitrag. Interessante Statistiken und Zahlen.
    Jedoch der letzte Teil ihres Artikels mit der beiläufigen Empfehlung an CH Hersteller und Brands und den Hinweis auf die Attraktivität und Vorteile eines Händlerkontos bei Amazon finde ich doch starker Tubak. Herr Lang, sie als E-Commerce Spezialist und Dozent sollten es doch eigentlich besser wissen.
    Seit spätestens 2016 liegenden Fakten über die Absichten und die Ziele des Global Players auf dem Tisch. Die Abmahnungen nach Verweigerung zur Zusammenarbeit mit lokalen Behörden, arbeitsrechtlichen Verstöße und zum Teil unzumutbaren Arbeitsbedingungen in EU Nachbarländer häufen sich und sind schon lange kein Geheimnis mehr. Die unglaubliche Arroganz und zerstörerische Ignoranz die Amazon im Bezug auf seine Händler und das örtliche Kleingewerbe an den Tag legt, ist einfach nur beschämend. Es gibt nur ein passendes Wort: Disgusting!
    Es geht weiter: Würde ich also so wie sie vorgeschlagen, meine Artikel über „meinen“ Online-Shop bei Amazon verkaufen, gebe ich ALLE Daten (Kundendaten, Kaufverhalten, Marktanalyse, Kaufverhalten usw.) in die Hand von Amazon. Und als Geschenk für diese Abzocke muss ich noch einen Teil meines Umsatzes drauflegen und mich an Richtlinien halten die im Amazon-Land nach Gutdünken festgelegt und verändert werden.
    Und sie wollen mir jetzt erzählen, dass es gegebenen falls strategische Vorteile haben könnte und Amazon der verlängerter Arm für den Eintritt in den Europäischen Markt sein könnte. Das mag vielleicht stimmen, aber zu welchem Preis, Herr Lang?
    Ich empfehle jedem Unternehmen, dass jetzt noch in den Online-Handel einsteigt, seine Online-Präsenz sauber und unabhängig aufzugleisen. Ihre Daten gehören nur ihnen und das Lakaien-Zeitalter ist auch schon lange vorbei. Solide, ökonomisch und ökologisch vertretbare sowie nachhaltige E-Commerce Solutions sind heute angesagt und sicher kein Handel und die Verbrüderung mit einem Konzern, der rücksichtslos mit dem Pflug durch Europa donnert, knallhart und skrupellos Kollateralschäden in kauf nimmt und darauf mit Genuss ein Siegeslied anstimmt.

    • Wie so oft, wird der Kunde entscheiden. Und jeder Hersteller oder Brand muss für sich entscheiden, ob er dort sein will, wo die Kunden sind oder ob er warten will, bis man ihn findet. Nichts spricht gegen eine Dual-Strategie und ich möchte auch keinesfalls nicht das Geschäftsgebaren von Amazon beschönigen. Alleinig der Kunde entscheidet. Und die aktuellen Umsätze und Marktanteile sprechen eine unmissverständliche Sprache. Oder nicht?

  3. Mein Tip zur Diskussion

    „Wenn irgendwo in einer Fußgängerzone ein Kaufhaus stände, dass seine Mitarbeiter schlecht bezahlen, die Kunden überwachen und kaum Steuern abführen würde, dann würden viele Leute sagen: Moment, da kaufe ich nicht ein. Doch wenn wir zu Hause alleine vor unseren Rechnern sitzen, blenden wir diese Dinge aus.“

    Vom Allesverkäufer zum Alleswisser und Allesbeherrscher

    Fast alle kaufen bei Amazon – es ist ja so bequem. Die Innenstädte veröden, die Straßen verstopfen und die Papiertonnen quellen über. Die Hersteller von Qualitätswaren werden ökonomisch ausgepresst oder kopiert (Amazon produziert dann gleich günstiger selber) und die Konzentration auf allen Ebenen nimmt unaufhörlich zu. 
    Doch noch schlimmer: „Alexa“ hört weltweit in allen Wohnstuben alles mit, auch die intimsten Informationen erhält so der weltweit größte Händler und könnte heute schon entscheiden, was er uns morgen verkaufen will – noch fragt er uns vorher, aber bald könnte er unsere Wünsche ganz ohne Bestellung erfüllen …
    Amazon weiß ja auch, was wir uns rund um die Uhr auf unseren Amazon-Bildschirmen anschauen, was wir gerne lesen und an welcher Stelle wir die Lektüre aus Langeweile abbrechen – da lässt man doch gleich leichter Verdauliches schreiben und an den inzwischen vollkommen unmündigen Konsumenten liefern. 

    Quelle: https://tichyseinblick.shop/Johannes-Broeckers-Schnauze-Alexa

  4. Zitat: „…/… und vor allem, ist absolut kundenzentriert agierend .“

    Daher also läßt Amazon als einzige Zahlmöglichkeit nur Kreditkarte zu und schließt alle aus, die keine Kreditkarte haben oder haben wollen?

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